Wayra Akademie in München

Wayra in München: Blick aus der Akademie auf das Wahrzeichen der Weltstadt mit Herz.

Wayra ist die große Startup-Initiative von Telefónica. Mehr als 20.000 Business-Pläne haben die Mitarbeiter bereits gelesen, um die besten Geschäftsideen für das Accelerator-Programm zu finden. 244 Startups hat Wayra finanziert und die Zahl steigt ständig an. Alle paar Wochen starten neue internationale Bewerbungsrunden, an denen sich immer die Akademien beteiligen, die Plätze frei haben.

Telefónica gründete schon 14 Akademien in zwölf Ländern. Startups bekommen dort nicht nur modernste Büroräume und Finanzierungen bis 40.000 Euro, für die keine Exklusivität verlangt wird, sondern auch Coaching und Kontakte aus dem weltweiten Netz von Telefónica. Unsere Reportage stellt Wayra vor.

Die Kaufingerstraße in München, gegenüber der Frauenkirche, dem Wahrzeichen der Stadt. Eine bessere Geschäftsadresse kann es kaum geben in Deutschland: Kaufhäuser, Flagshipstores großer Modeunternehmen und Münchner Traditionsgeschäfte liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Eine gesamte Geschäftshaus-Etage in dieser Toplage nimmt die Wayra-Akademie ein. Wayra bedeutet Wind auf Quechua, der peruanischen Ureinwohnersprache aus dem Andenraum. In Südamerika nahm die Idee der Wayra Academies ihren Anfang.

Wayra weltweit: 14 Akademien in zwölf Ländern

Tanja Kufner, Wayra Deutschland

Tanja Kufner, Wayra Deutschland

Mittlerweile gibt es solche Einrichtungen in zwölf Ländern: von Großbritannien über Spanien und Deutschland bis nach Brasilien. Die Wayra-Akademie in München ist das Kreativlabor von Teléfonica in Deutschland: ein Loft mit über 1.000 Quadratmetern, farbenfroh gestaltet, mit Sitzsäcken in einer großen, zentralen Begegnungszone, allerneuester IT-Ausstattung – und mit einem durch Glastüren schalldicht abtrennbaren Tischtennisraum für den nonverbalen Schlagabtausch.

Vor allem aber mit Büroraum für zehn Teams von Jungunternehmern. „Wir beschleunigen hier die Entwicklung von Geschäftsmodellen aus den Bereichen Internet und Telekommunikation“, sagt Tanja Kufner, die Direktorin der Akademie. „Wir helfen unseren Teams, ihre Ideen umzusetzen. Wir geben ihnen Wissen an die Hand und bieten ihnen die Gelegenheit, sich hier gegenseitig auszutauschen. Ziel ist, dass es alle Projekte bis zur Marktreife schaffen.“

Zielsetzung: Kluge Ideen fördern, Talente entdecken

José María Álvarez-Pallete, CEO von Telefónica Europe

José María Álvarez-Pallete, CEO von Telefónica Europe

Jedes Team bekommt eine Kapitalspritze von bis zu 40.000 Euro. Dabei geht es Telefónica in Deutschland nicht in erster Linie darum, neue Geschäftszweige für sich selbst zu erschließen. Zwar sehen die Verträge vor, dass das Unternehmen mit fünf Prozent an jedem Startup beteiligt bleibt. „Viel wichtiger ist uns aber, gute, kluge Ideen zu fördern“, so Kufner. Und natürlich Talente zu entdecken, die durch Wayra auch im Mutterunternehmen Karriere machen können.

„Viele der großen Ideen und Veränderungen, die unsere Welt in den kommenden 25 Jahren prägen, werden bereits jetzt von unbekannten Innovatoren zu Hause oder in Unterrichtsräumen erfunden“, erklärt José María Álvarez-Pallete Lopez, CEO von Telefónica S. A., das Konzept. „Mit genau demselben Innovationsgeist haben wir Wayra gegründet, um die besten Technik-Ideen und Talente zu finden und zu entwickeln.“

Ein halbes Jahr verbringt jedes der in der Regel dreiköpfigen Teams in der Münchner Akademie. Regelmäßig organisiert Kufner Vorträge und Debattenrunden im kleinen Auditorium der Akademie. Bis zu drei Board Advisors unterstützen außerdem jedes Team bei der Entwicklung seiner Geschäftsstrategie und helfen, den Kontakt zu möglichen Investoren herzustellen. „Es ist eine Art Mini-MBA, was die Teilnehmer hier durchlaufen“, fasst Kufner das Programm zusammen.

Vorteil für Startups: Telefónica als Brainpool

Vor allem aber haben die Teams die Möglichkeit, auf den größtmöglichen Erfahrungsschatz zurückzugreifen, den Telefónica Deutschland überhaupt zu bieten hat: das Know-how der Mitarbeiter. 60 Angestellte des Unternehmens haben sich allein in Deutschland als Mentoren registrieren lassen, vom Juristen bis zum Programmierer. Sie alle stehen dem Wayra-Nachwuchs mit Rat und Tat zur Seite. „Das ist natürlich eine grandiose Chance“, sagt Markus Stiefel. Der 30-Jährige bringt mit seinen Mitstreitern Pockets United zur Marktreife, einen mobilen Bezahl-Service, mit dem Freundeskreise ihre gemeinsamen Kosten verwalten und abrechnen können. „Wann immer wir ein Problem haben, eine rechtliche Frage etwa, wenden wir uns an einen unserer Mentoren im Unternehmen. Und bekommen prompt eine Antwort. Enttäuscht worden sind wir noch nie“, sagt Stiefel.

Pockets United ist eines der Unternehmen an der Münchner Akademie, die auf ihrem Weg in die wirkliche Wirtschaftswelt besonders weit vorangekommen sind. Die Grundidee kam Markus Stiefel nach einem dieser typischen Studentenabende, als man gemeinsam ausging, einer für alle zahlte – und am Ende auf seinen Kosten sitzenblieb. Irgendwie musste eine Möglichkeit her, die unterschiedlichen Ausgaben der Clique miteinander zu verrechnen und bargeldlos auszugleichen. Stiefel machte sich an die Entwicklung einer App. Das Programmierung ist heute größtenteils abgeschlossen, es geht nur noch um technische Feinheiten. An denen werkelt zurzeit fast Tag und Nacht Matthias Schicker. Der ebenfalls 30-jährige Software-Entwickler kam von Google aus dem Silicon Valley nach München. Er will genau wie Stiefel sein eigenes Ding auf die Beine stellen.

Weltmarkt erobern: Internationales Netzwerk hilft

Dr. Lukas Steinbacher (CEO)(re.) & Binh-An Tran (CTO) von Cleverlize

Dr. Lukas Steinbacher (CEO)(re.) & Binh-An Tran (CTO) von Cleverlize

Das Beispiel der beiden zeigt: Es sind keine Fantasten, die Telefónica in Deutschland an die Wayra-Akademie geholt hat, sondern ernstzunehmende Entrepreneurs. Eine Chance auf eine veritable Anschlussfinanzierung sieht das Unternehmen für jeden von ihnen, sonst wären sie nicht hier. Wie Lukas Steinbacher und An Tran von Cleverlize: Die beiden, wie die meisten hier um die 30, tüfteln an einem Software-Tool, mit dem Lehrer, Dozenten oder auch Eltern ohne Programmierkenntnisse Lern-Apps für Smartphones oder Tablets entwickeln können.

„Stellen Sie sich einen Nachhilfelehrer vor“, erklärt Steinbacher, „der seinen Schülern eine App zur Verfügung stellen kann, mit der sie schon auf dem Nachhauseweg von der Schule ihren Stoff in der U-Bahn durchgehen können.“ Der Zukunftsmarkt E-Learning für den Hausgebrauch. „Durch das große internationale Netzwerk kann Wayra uns helfen, bekannt zu werden und globale Vertriebswege aufzubauen“, sagt Steinbacher. „Alleine hätten wir dazu niemals die Chance.“ Sein Unternehmen war eines von zwei Startups aus München, die sich beim ersten internationalen demoDay von Wayra in Miami vor amerikanischen Investoren präsentieren konnten.

Wayra-Siegel: Zugang zu großen Kunden vereinfacht

Einen schnelleren Zugang zu Märkten erhofft sich auch Dorna Hekmat, CEO des Hoteldienstes i-frontdesk, von der Teilnahme am Wayra-Programm. „Mit dem Wayra-Siegel ist es für uns natürlich viel einfacher, Kunden zu finden, weil uns von vorneherein Vertrauen entgegengebracht wird“, sagt sie. Hekmat entwickelt mit ihrem Partner Peter Duesing einen virtuellen Concierge für Hotels. Gäste sollen per Tablet auf Dienstleistungen zugreifen können, etwa noch schnell Karten organisiert bekommen für die eigentlich ausverkaufte Opernpremiere am Abend. „Mir geht es darum, auch kleineren Hotels die Möglichkeit zu geben, den Service eines First-Class-Hauses anbieten zu können“, sagt Hekmat, die selbst schon jahrelang Hotels gemanagt hat. Zurzeit verhandelt sie mit renommierten Häusern über einen Einsatz des Dienstes.

Dorna Hekmat über i-frontdesk

Das Spektrum der Geschäftsideen, die in der Wayra-Akademie in München gefördert werden, ist enorm breit: Das Unternehmen Fabbeo will zwischen 3D-Druck-Herstellern und ihren Kunden vermitteln. Clearkarma entwickelt eine App, die dabei hilft, bestimmte Inhaltsstoffe von Speisen zu identifizieren. Über Chuisy lassen sich Einkaufserfahrungen austauschen, und Spotfav stellt Wetterinformationen für Outdoor-Sportler mit HD-Kameras übers Internet bereit. Sie alle mussten sich 2012 gegen eine Vielzahl von Mitbewerbern durchsetzen, um an der Akademie aufgenommen zu werden. 268 Jungunternehmen bewarben sich in der ersten Runde um einen Platz, 20 Teams wurden zum Finale nach Berlin eingeladen. Dort präsentierten sie sich drei Tage lang während der Campus Party auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof, einer Art Woodstock-Festival der digitalen Jugend. „Es war ein harter Pitch“, erzählt der Gründer von Pockets United, Markus Stiefel. „Anscheinend waren wir nicht so schlecht, wir konnten uns durchsetzen.“ Die nächste Campus Party startet im September in London, der Hauptsponsor Telefónica erwartet wieder mehr als 10.000 Besucher auf dem größten Tech-Festival der Welt.

Wayra-Ziel: Neue Silicon Valleys in der ganzen Welt

Simon Devonshire, Wayra Europe

Simon Devonshire, Wayra Europe

Die Wayra-Auswahlkriterien sind streng. „Wir suchen die besten Talente, die allerbesten“, sagt Simon Devonshire, Europa-Direktor von Wayra. Eine achtköpfige Fachjury begutachtet akribisch jedes Geschäftsmodell. Für München konnten zuerst nicht alle zehn Akademie-Plätze auf Anhieb vergeben werden, drei wurden erneut ausgeschrieben – weltweit. Zweimal im Jahr sollen künftig Auswahlrunden stattfinden. Länger als ein halbes Jahr haben die Teams nicht, um eine Anschlussfinanzierung zu erreichen.

Die Akademie soll schließlich als Karrierebeschleuniger funktionieren und immer wieder neuen Zulauf bekommen. „Wir gründen lauter neue Silicon Valleys in der ganzen Welt“, erklärt Simon Devonshire den Ansatz. Gefördert wird mit aller Macht, aber Telefónica verlangt auch von den Schützlingen auch Einsatz. Wer nicht mitzieht oder wessen Idee sich als nicht tragfähig erweist, dem kann nahegelegt werden, die Akademie zu verlassen. Zu begehrt sind die Plätze in der digitalen Szene, zu begehrt der Kontakt zu möglichen Investoren – und zu einem enorm großen Publikum. „Im Prinzip bieten wir den Teilnehmern Zugang zu den 300 Millionen Telefónica Kunden auf der ganzen Welt“, sagt Devonshire. Wayra ist ein gigantisches Trampolin für den Sprung an die Spitze.

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