Engagement Report Facebook

Die Ära der Apps ist vorbei. Ein neues Zeitalter der Hardware naht heran. Das schreibt hier ein Mann, den sie vor drei Jahren noch auslachten, als er sagte, dass Microsoft bald Nokia übernimmt. Dieser Deal ist längst über die Bühne und auch andere Vorhersagen traten ein, die neulich noch unglaublich schienen.

Wer hätte gedacht, dass ein Sozialnetzwerk wie Facebook vielleicht Hardware-Hersteller für Datenbrillen und sogar Drohnen kaufen möchte? Auch das geschah in den vergangenen Wochen. Das interessanteste Produkt von Google ist nicht die Suchmaschine oder eine App, sondern ein Kleincomputer, den man auf der Nase trägt: Google Glass. Und Autos bauen sie jetzt auch noch. Die Leute werden der Apps müde, etwas Neues muss kommen.

Markus Oliver Göbel ist Pressesprecher für Innovationen bei Telefónica in Deutschland und regelmäßiger Moderator für Think Big School. Nach über zehn Jahren täglicher Smartphone-Nutzung, die mit Windows Mobile 2002 auf einem Motorola MPx200 begann, scheint er der vielen Apps ein wenig müde zu sein. Deshalb sucht er nach dem nächsten Trend. Neue Hardware-Hacks und Hightech für zu Hause könnten die Antwort sein. Das zeigt auch eine aktuelle Reportage von Reuters über die „Hardware-Renaissance im Silicon Valley“, zu der Forbes passend erklärte: Why All The Best Minds In Tech Are Starting To Flock To Hardware (Not Software).

Millionen von Apps: Überfluss schadet der Faszination

ArduinoMein Tischnachbar Heinz aus der internen Kommunikation ächzt nur noch, wenn er sein iPhone mit den 700 installierten Apps in die Hand nehmen muss. Und ich darf mich freuen, dass es bei mir nur 400 sind, die auf verschiedenen Smartphones für Android, iOS und Windows Phone laufen.

Was früher eine Freude war, ist längst in Arbeit ausgeartet: Welche App soll ich löschen? Wieso gibt es überhaupt mehrere Millionen Apps für die verschiedenen mobilen Betriebssysteme? Wer soll da noch den Überblick behalten und wie unterscheiden die sich überhaupt? „Apps sind der falsche Weg“, sagte selbst der Google-Vizechef für das Android-Design, Matias Duarte, im April bei einem Podiumsgespräch.

Aber Hardware basteln, das macht Spaß! Mit leicht zu bauenden Arduino-Maschinen oder dem Mini-Bastelcomputer Raspberry Pi wird jeder zum Roboter-Hersteller – und mit einem 3D-Drucker lässt sich jede erdenkliche Form erschaffen. Selbst der betuliche Büroausstatter Staples bietet demnächst 3D-Ausdrucke an jeder Ecke an, genau wie die traditionsreiche Hamburger Zentralbibliothek in ihren Bücherhallen. So wird die Zeit gut überbrückt, bis jeder so einen Drucker zu Hause stehen hat. Man fühlt sich wie ein Kind in der Lego-Phase, als nur unsere Phantasie die Grenzen für das Schaffen setzte.

Arduino: Vollautomatische Bierbrauerei für zu Hause

BierBrauereiMein Freund Holger hat sich beispielsweise eine komplette Brauerei zu Hause aufgebaut. Damit braut er fast jede Woche ein anderes Bier: Helles, Dunkles, Weißbier, Pils, … obwohl er doch ein Computer-Techniker ist, der sein Geld mit IT-Lösungen verdient.

Doch genau diese Qualifikation macht es möglich: Seine Brauerei läuft größtenteils automatisch. Selbstgebaute Maschinen mit Sensoren und Computersteuerung halten die Temperatur im Kessel konstant oder rühren um, sobald es nötig ist.

Holger kann schlafen gehen, wenn sein Bier angesetzt ist. Die wichtigsten Werte für den Sud behält er natürlich mit seiner Smartphone-App im Auge. Eine nächste Stufe dieser Entwicklung zeigt die Kickstarter-Kampagne von PicoBrew: Ihr Zymatic-Automat macht das Bierbrauen so leicht wie den Druck auf den Knopf einer Espresso-Maschine. Das ist mal eine sinnvolle Erfindung!

Neue Industrie-Revolution: Karl Marx wird widerlegt

„Mit Arduino, 3D-Druck und der neuen Maker-Bewegung kann jeder zum Produzenten werden und wir holen uns die Güterproduktion aus China zurück“, sagte Massimo Banzi, Mitgründer von Arduino, vor bald zwei Jahren auf der TEDx in Berlin, als er nach dem CEO von Telefónica in Deutschland die Bühne betrat. Die asiatische Massenproduktion werde eines Tages nicht mehr konkurrenzfähig sein, weil die Kundenwünsche immer individueller werden und sich am besten durch kleine Hersteller befriedigen lassen, die auf Abruf in der Nähe produzieren. Aus der Massenproduktion wird eine Einzelanfertigung und jeder bekommt genau das, was er sich wünscht.

lernstiftWir befinden uns in einer neuen industriellen Revolution. Aber anders als vor 150 Jahren muss heute niemand reich sein, um eine Maschinenfabrik aufzubauen. Damit wird auch nebenbei der alte Widerspruch von Karl Marx aufgelöst: Die Ursache für Ausbeutung sei die Konzentration der gesellschaftlichen Produktionsmittel in den Händen von wenigen Reichen. Doch die moderne Technik macht das Privateigentum an Produktionsmitteln für jeden erreichbar.

Die Herstellung der Datenbrille Oculus Rift war bis vor einigen Monaten noch ein Kickstarter-Projekt von Computerspiele-Fans. Und nun wurde die Firma für zwei Milliarden Dollar von Facebook gekauft. Auch die spannendsten Startups der deutschen Wayra-Akademie sind keine Software-Firmen, sondern Hardware-Lieferanten: Lernstift baut einen Kugelschreiber, der vibriert, wenn der Benutzer ein Wort mit Rechtschreibfehler aufs Papier bringt. Hapticom baut ein Smartphone für Taubblinde und Centersonic riss erst einmal die Verkleidung von der Decke. Seit sie dort ihre Hardware an die Stromkabel anschlossen, können sie die wichtigsten Gebäudefunktionen in der Wayra-Akademie kontrollieren. Licht, Fenster und Temperatur werden einfach mit dem Smartphone gesteuert.

Do-It-Yourself: Maschinenbau kann jeder lernen

LötkolbenUnd der Zugang zum Bau von Hardware wird immer leichter. Das sahen sahen wir erst neulich beim Telefónica-Programm Think Big School, wo ich als Volunteer dabei war. Die zehn- bis vierzehnjährigen Schüler der International School of Brussels (ISB) waren die ersten Teilnehmer, mit denen wir nicht nur Websites programmierten, sondern auch kleine Maschinen bauten.

Die Do-It-Yourself-Kits der Firma Technology Will Save Us bestehen aus Sensoren, Messgeräten, Schaltern und Motoren, die sich beliebig zusammenstecken lassen. In nur einem Vormittag bauten wir damit verschiedenste Prototypen: für Verkaufsautomaten, die das Gewicht ihrer Kunden erfassen und das passende Essen dafür herausgeben, für Alarmanlagen oder Rohrpost-Systeme und für das induktive Aufladen von Elektro-Autos während der Fahrt.

Think Big in BrüsselDie Geschäftsideen, die früher bei Think Big School präsentiert wurden, hatten fast immer auf Apps basiert. Doch als wir die Hardware-Bausätze mitbrachten, baute plötzlich jeder Maschinen.

Es macht einfach mehr Spaß, wenn man das Produkt seiner Phantasie auch anfassen kann und wenn es sich selbst bewegt. Die Jugend macht es uns vor: Die Ära der Apps ist vorbei. Ein neues Zeitalter der Hardware naht heran. Mit den Bausätzen der Tinkerbots sollen sogar schon Fünfjährige ihre eigenen Roboter bauen können.

Telefónica hat diesen Trend bereits erkannt: Auf dem Mobile World Congress 2014 zeigten wir nicht nur Smartphones und Tarif-Revolutionen, sondern auch Telematik-Boxen fürs Auto, Wearables für die M2M-Kommunikation sowie Motorradhelme mit Internet-Anschluss und automatischen Rettungsfunktionen. Viele der Aufgaben, die bisher Apps auf Smartphones erfüllen, werden bald von hilfreicher Hardware übernommen. Manches davon kann man sogar selbst zu Hause bauen.

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