Enrique Blanco, CTO von Telefónica

Enrique Blanco, CTO von Telefónica

Auf dem Mobile World Congress (MWC) hatte Telefónica seine weltweite Initiative UNICA angekündigt. Ihr Ziel ist die komplette Ende-zu-Ende-Virtualisierung der gesamten Netzwerkinfrastruktur, wozu auch die neueste Kooperation mit dem Chip-Hersteller Intel und dem Linux-Distributor Red Hat dient. Zu den Hintergründen und weiteren Plänen befragen wir nun Enrique Blanco, den Chief Technologie Officer von Telefónica. Er ist der oberste Chef für alle Netzwerke von Telefónica, die 320 Millionen Kunden in 25 Ländern versorgen. Festnetz und Mobilfunk liegen in seiner Hand.

Ohne Netz läuft heute nichts mehr. Das Internet beeinflusst alle Bereiche unseres täglichen Lebens und wir sind always on. Selbst Brillengestelle und Kleidungsstücke werden heute angeschlossen und starten auch gern einmal eine Live-Übertragung per Video. Diese sogenannten Wearables waren ein echter Hingucker am MWC-Stand von Telefónica. Doch damit immer ausreichend Bandbreite für solche Anwendungen bereitsteht, muss das Netz sich schnell den neuesten Anforderungen anpassen.

Virtualisierung: Spaghetti im Netz zu Lasagne machen

Telefónica setzt dafür auf die komplette Virtualisierung aller Netzebenen. „Aus den Spaghetti wird eine Lasagne“, heißt der Spruch im Netzwerk-Bereich. Das bedeutet: Alles wird zu Software. Statt fester Kabel, die Telefongespräche auf den immer denselben Routen übertragen, gibt es nur noch die Schichten des Software-defined Networking für die Network Functions Virtualization. So lassen sich neue Services und Funktionen viel schneller ausrollen. Selbst der Umstieg auf 5G benötigt damit vielleicht nur noch ein Software-Update, schreiben die Experten von GigaOM. Telefónica gehört zu den ersten Netzbetreibern, welche die neue Technik einsetzen. Deshalb wollen wir mehr von Enrique Blanco wissen.

Was muss man sich unter UNICA eigentlich vorstellen?

Unica ist ein Referenzmodell für unsere zukünftige Infrastruktur. Es ist Cloud-basiert und enthält alle Funktionen, die für die moderne Telekommunikation und ihre Service-Plattformen notwendig sind. Die Kernelemente der Unica-Infrastruktur sind virtuelle Rechenzentren für viele verschiedenste Mandanten, eine Template-basierte automatische Applikations-Entwicklung, Software-Defined-Networking (SDN) und Elastic-Computing. Zusätzlich sind wir auch bestrebt, die meisten Funktionen der Endgeräte bei unseren Kunden zu virtualisieren. Die Hardware in den Häusern wird damit zu einem logischen Element, das sich über das Netz managen lässt. Damit lässt sich unsere Effizienz exponentiell steigern, was sich sehr positiv auf Investitionsausgaben und Betriebskosten auswirken wirkt.

Welche Vorteile resultieren für Telefonica aus der Virtualisierung?

Der allergrößte Vorteil ist, dass Unica die Time-to-Market extrem verkürzt. Neue Services lassen sich innerhalb von Minuten einrichten, sodass wir neue Marktchancen sofort nutzen können. Das Cloud-OS für die Server, der Storage-Resource-Pool und das SDN lassen sich gleichzeitig für verschiedenste Applikationen nutzen, die simultan in mehreren Rechenzentren laufen. So wird unsere Hardware gemeinsam und optimal genutzt, statt in jedem Land eigene Anlagen aufzubauen. Das verkürzt auch die Zeit extrem, die bisher für die Anschaffung und Einrichtung von neuer Hardware nötig war.

IMS vs. vIMS and Unica

Vier Tage statt vier Monate

Durch visuelle Service-Designvorlagen und Cloud-basierte Anwendungsmodi können neue Dienste in unserem Ressourcen-Pool minutenschnell implementiert werden – statt wie bisher in mehreren Monaten. Dazu gehören auch Telekommunikationsdienste wie VAS (Value Added Services), vIMS (virtualized IP Multimedia Subsystem) sowie interne IT-Anwendungen. Durch die beschleunigte Einführung neuer Services können Marktmöglichkeiten schneller genutzt werden. Sobald die Vorlagen verifiziert sind, ist die Einführung eines neuen Dienstes ein reiner Copy-and-Paste-Prozess. Das verkürzt die Zeit für die Markteinführung extrem.

Ein weiterer wichtiger Vorteil ist die Steigerung der Effizienz und die Senkung der Gesamtbetriebskosten. Sie ergeben sich durch die Standardisierung der Infrastruktur und die Vereinfachung ihrer Verwaltung. Das gemeinsame Management aller Rechenzentren anstelle von Insellösungen für einzelne Länder verbessert die Ressourcennutzung und die Effizienz ihrer Verwaltung. Zusätzlich ermöglich das SDN einen Use-on-Demand von allen vorstellbaren Netzelementen, weil überall standardisierte Openflow-Protokolle im Einsatz sind. Das senkt den Aufwand für die Instandhaltung der Netzwerke erheblich. Unicas Kompatibilität mit den Standard-Funktionen für Network-Functions-Virtualization (NFV) erleichtert die Migration der bisherigen Netzwerk-Funktionen auf unsere neue virtualisierte Infrastruktur. Wir können hohe Kosten einsparen, indem wir die vielfältige und proprietäre Hardware unserer bisherigen Netz-Lieferanten auf gewöhnliche x86-Server migrieren.

Ein weiterer wichtiger Vorteil ist die Offenheit unserer Architektur. Damit vermeiden wir den so genannten Vendor Lock-In, also die Festlegung auf einen bestimmten Lieferanten, und wir können unsere bestehenden Investitionen damit schützen. Wir nutzen die offene Umgebung Open Stack. Das ist ein Softwareprojekt, welches eine freie Architektur für Cloud-Computing zur Verfügung stellt. Darauf migrieren wir unsere bestehenden Rechenzentren und können so unsere bisherigen Investitionen weiter nutzen. Die Virtualisierung von bisherigen Hardware-Funktionen macht das möglich.

Netzwerk-Architektur: Entkoppelt von physikalischen Netzen

Auf welchen technischen Grundlagen basiert Unica und mit welchen Partnern arbeitet Telefónica zusammen?

Die Vorbereitungen für Unica begannen schon im Juni 2012. Seitdem arbeiten wir mit Firmen wie NEC, Huawei, Alcatel Lucent, Ericsson, HP, Broadsoft und Nokia Solutions aber auch mit Cisco, Infinera oder Intel an der Perfektionierung unserer Plattform. Sie ermöglicht Data Centre as a Service (DCaaS).

Enrique Blanco, CTO von Telefónica

Enrique Blanco, CTO von Telefónica

Unica ist also Cloud-orientiert und kann gleichzeitig von verschiedensten Mandanten für die unterschiedlichste Einsatzzwecke genutzt werden. Die offene Architektur von Unica basiert auf Open Stack und wird von vielen Lieferanten unterstützt.

Der große Vorteil ist, dass Unica sich automatisiert und einfach benutzen lässt. Visualisierte Design-Vorlagen und eine einfache Workflow-Verwaltung ermöglichen die automatisierte Bereitstellung von neuen Services, die unsere Tochterfirmen in den verschiedenen Telefónica-Ländern benötigen. Diese neue Infrastruktur ist auch extrem flexibel.

Denn weil sie Cloud-basiert ist, kann sie einfach mitwachsen: Sobald zusätzliche Netzwerk-Funktionen benötigt werden, können wir sie schnell virtualisiert bereitstellen, statt wie früher neue Hardware dafür anzuschaffen. Dafür arbeiten wir mit SDN und einem VxLAN-Overlay. Die Netzwerk-Architektur von Unica ist also komplett entkoppelt von den physikalischen Netzen, die darunter liegen.

Doch wie bekommt man die großenteils noch nicht standardisierten Protokolle für SDN und NFV, welche die Technologiepartner auch noch unterschiedlich interpretieren, unter einen Hut in so einem weltweiten Netz?

Alle Telekommunikationsanbieter sind sich bewusst, dass wir uns an einem Wendepunkt befinden. Um die Nachhaltigkeit unserer Netzwerk-Modelle, Architekturen und Betriebsmodelle zu sichern, müssen wir innovativ sein. Die Virtualisierung eröffnet uns große Chancen, weil sich damit schnell Skaleneffekte erzielen lassen. Die wichtigste Herausforderung ist aber dabei, dass im Telekommunikationsbereich noch zu viele geschlossene Standards gelten, die einer schnellen Virtualisierung entgegenstehen.

Vorteile der künftigen UNICA Infrastruktur

Vorteile der künftigen Unica-Infrastruktur

Telefónica arbeitet deshalb aktiv in vielen Standardisierungsgremien mit, wie der Network Functions Virtualisation Industry Standardization Group (NFV ISG), die Anfang des vergangenen Jahres gegründet wurde. Ihr wichtigstes Ziel ist, die neue Technik voranzutreiben und die Vorteile der Virtualisierung schnellstmöglich allen beteiligten Netzbetreibern zur Verfügung zu stellen. Wir wollen die besten Designs und Technologien identifizieren, um damit die größtmögliche Leistung und Zuverlässigkeit unserer Netze zu erreichen.

Telefónica hat sich diesen Zielen voll verschrieben und ich glaube, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das kann man auch an den jüngsten strategischen Partnerschaften mit dem European Telecommunications Standards Institute (ETSI) und der Open Networking Foundation (ONF) sehen, welche die Entwicklung von Spezifikationen für NFV und SDN vorantreiben sollen. Telefónica arbeitet aktiv an der Erarbeitung der neuen Standards mit und ist dabei bestrebt, so offen wie möglich zu sein.

Herausforderung: Netz muss immer schneller werden

Welches ist die größte Herausforderung bei der Umstellung der Telefónica-Netze?

Unsere Kunden auf der ganzen Welt erwarten jedes Jahr mehr für dasselbe Geld, wenn es um Übertragungsgeschwindigkeiten, Netzqualität und attraktive Angebote geht. Deswegen muss Telefónica seine Services immer effizienter bereitstellen und genau dafür setzen wir auf die Virtualisierung. In den kommenden Jahren werden die Kunden ein engmaschiges Mobilfunknetz mit LTE-Advanced und Glasfaser bis in die Häuser sowie auf allen Netzebenen erwarten.

Telefónica setzt deshalb auf die neuesten Techniken, um den Rollout dieser neuen Hochgeschwindigkeitsnetze zu beschleunigen. Zusätzlich konzentrieren wir uns darauf, unsere Festnetze und Mobilfunknetze zu integrieren, wo immer das möglich ist. Das ist beispielsweise nötig für die Errichtung von Small-Cells in großstädtischen Gebieten mit hoher Nachfrage nach mobilen Daten sowie für die kosteneffiziente Bereitstellung von mobilem Breitband auf dem Land.

Zusätzlich arbeiten wir an der Eingliederung von WLAN und anderer Funktechniken in unsere Angebote als Netzbetreiber, besonders in den Ländern, wo wir nicht besonders viel Spektrum haben. All diese Initiativen dienen der Senkung unserer Betriebskosten und sie werden durch die Virtualisierung von Netzwerk-Funktionen schneller ermöglicht.

Wie lang wird die Umstellung auf Virtualisierung und Unica dauern?

Wir haben unsere neue Initiative im Februar auf dem Mobile World Congress angekündigt. Bis Juni wird Unica sich vom Proof-of-Concept bis zum echten Deployment entwickeln. Unser Ziel ist es, bis 2016 mehr als 30 Prozent unserer Infrastruktur damit zu managen.

speed

Unica beschleunigt Infrastruktur-Projekte

Wir haben schon jetzt viele Möglichkeiten, die Virtualisierung einzusetzen, beispielsweise beim SDN und der Virtualisierung von Netzwerkfunktionen oder auch im Home-Location-Register und bei den DNS-Servern.

Es gibt Pläne für das IMS sowie Konzepte für die Virtualisierung von DSL-Routern in den Häusern unserer Kunden sowie der Zugangsknotenpunkte für Mobilfunk und Festnetz. Mit diesen Maßnahmen kann Telefónica seine vielfältige Netzinfrastruktur, die viele Länder und verschiedenste Telekommunikationsunternehmen umfasst, sehr schnell vereinfachen.

Wie können die Kunden Kunden von der Virtualisierung profitieren und was haben Provider oder Over-The-Top-Anbieter (OTT) davon?

Bei Telefónica und anderen Netzbetreibern geht der Trend heute weg vom reinen Traffic-Carrier und hin zum Application Enabler. Das bedeutet: Unser Fokus liegt immer auf den Kunden. Wir verkaufen ihnen keine Netz-Kapazitäten mehr, sondern genau die Services, die sie benötigen. Dafür setzen wir die Cloud auf allen Infrastruktur-Ebenen ein. Sie macht unsere Services überall verfügbar, damit sie in Madrid genauso gut funktionieren wie in Rio oder Shanghai. Selbst Mobilfunk-Antennen lassen sich heute größtenteils virtualisieren und wir müssen nur noch ausreichend Server-Kapazitäten an den wichtigsten Standorten bereitstellen.

Der größte Vorteil für die Kunden liegt aber darin, dass unsere Services robust sind, weil wir sie End-to-End kontrollieren können. Telefónica gehören bereits Zugangsnetze in vielen wichtigen Ländern und nun setzen wir auf den Ausbau unserer Rechenzentren. Davon können auch die großen Internet-Unternehmen nur träumen. Sie haben zwar die Rechenzentren und interessante Services, aber die Netze haben sie nicht in der Hand. Ähnliches gilt auch für Provider und OTT-Anbieter: Wir bieten ihnen die höchstmögliche Qualität an, mit der sich von der Konkurrenz abheben können. OTT-Services lassen sich also auch durch die Telko-Industrie monetarisieren und wir können gemeinsam vorteilhafte Partnerschaften eingehen.

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