20140924-mobile-living_775x362-775x362cDas Thema Streaming ist aktuell in aller Munde. Das klassische Wohnzimmer ist nicht mehr das, was es einmal war. Zwar ist der Fernsehsessel noch nicht physisch mit dem Internet verbunden, doch viel trennt den Fernsehzuschauer nicht mehr von Smartphone- und Tablet- Bildschirmen. Der Trend geht eindeutig zum Streaming von TV-Sendungen und Filmen im Netz. Kann das klassische Fernsehen der riesigen Angebotsvielfalt im Internet, die jederzeit abrufbar ist, standhalten? Was erwarten die Verbraucher von den Streamingdienstleistern und wie müssen die klassischen TV-Sender darauf reagieren?

Am 23. September fand die inzwischen dritte Veranstaltung des Formats „Mobile Living“ im BASE_camp statt, wo während einer Paneldiskussion das Thema „Eine neue Ära fürs TV- Schaust du nur oder streamst du schon?“ diskutiert wurde.

Das von Minh-Khai Phan-Thi moderierte Panel bestand aus folgenden Teilnehmern:

Torben Glander (Head of Marketing, joiz Deutschland), Jörg Meyer (Vice President, Content & Consumer, zattoo.com), Sven Scheffler (Leiter Digital, N24), Marco Junk (Geschäftsleitung Märkte & Technologien, BITKOM), Tilo Jung (Journalist & Creator, Jung & Naiv), Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring (Expertin für Medienentwicklung, Hochschule für Technik & Wirtschaft (HTW).

Streaming oder Fernsehen: Eine Frage des Kanals

BBE Auftaktveranstaltung der 10. Woche des Bürgerschaftlichen EngagementsZu Beginn der Podiumsdiskussion verwies Marco Junk aus der Geschäftsleitung Märkte und Technologien beim BITKOM auf eine Umfrage des Branchenverbands, nach der rund 70 Prozent der Befragten bereits Streamingdienste nutzen. Vor dem Hintergrund der steigenden Konkurrenz zwischen Sendern und Streamingdiensten erklärte er, mehr Wettbewerb führe zu besseren Produkten. Streaming bedeute auch Freiheit für die Nutzer, argumentierte Junk, spezifisch die Freiheit des selbstbestimmten Zeitpunkts und des Inhalts. Zunächst wurde die Frage diskutiert, inwieweit sich Streaming-Nutzer von Zuschauern des klassischen Fernsehens unterschieden.

Jörg Meyer, Vizepräsident der Online-Plattform zattoo, erläuterte, der durchschnittliche zattoo-Nutzer sei 38 Jahre alt und sehe im Netz genau die gleichen Inhalte wie im klassischen Fernsehen. Der Unterschied bestehe darin, dass die Plattform dem Nutzer die Gelegenheit gebe, mit der aktuellen Sendung auf ein anderes Gerät auszuweichen und sich dadurch vom Fernseher zu lösen. Positiv sei außerdem, dass dies die Reichweite der Sender erhöhe, hob er hervor. Der Kanal sei ihm egal – ob lineares Fernsehen oder Streaming-, solange sich seine Inhalte verbreiteten, erklärte hingegen Tilo Jung, Journalist & Erfinder der YouTube-Sendung Jung & Naiv. Sven Scheffler, Leiter Digital N24, bestätigte, es sei den Nutzern meist unwichtig, ob sie ihre Inhalte über lineares Fernsehen oder per Stream konsumierten.

Vorsichtige Sender und flexible Streamingdienste

Auf illegale Streamingangebote angesprochen betonte Meyer, legale Modelle müssten durch rechtliche Rahmenbedingungen stärker unterstützt werden. Hier würden Chancen bei weitem nicht genutzt, denn die Sender agierten zu vorsichtig und seien gefangen in alten Denkmustern, bemängelte er. Tilo Jung kommentierte, insbesondere die privaten Sender würden künftig Probleme bekommen, da ihr Programm derzeit nicht flexibel ausgestrahlt werde, während die Inhalte bei Streamingdiensten immer abrufbar seien. Alle öffentlich-rechtlichen Sender hätten jedoch grundsätzlich die Möglichkeit, ihr gesamtes Programm online verfügbar zu machen.

Auch Torben Glander, Head of Marketing und Mitglied der Geschäftsleitung von joiz Germany, sagte, die Sendeanstalten müssten ihre „Komfortzone“ verlassen, denn die alten Strukturen änderten sich durch die Streamingdienste. Der Free-TV-Sender joiz kommt ursprünglich aus der Schweiz und streamt sein gesamtes Programm im Netz.

Der Lagerfeuer-Effekt und die Kultur des jungen Publikums

mobile-living_2_775x362Die Panelisten diskutierten anschließend die gesellschaftlichen Effekte von Streaming. Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring, Expertin für Medienentwicklung an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), äußerte ihre Überzeugung, dass es den sogenannten Lagerfeuer-Effekt weiterhin geben werde, d.h. gemeinsames Fernsehen etwa bei Großereignissen im Sport oder zum klassischen Tatort am Sonntagabend.Es sei vor allem auf die jüngere Generation zurückzuführen, dass die Streamingnutzung zunehme, allerdings werde das klassische Fernsehen als Begleitmedium weiterhin geschätzt, meinte die Professorin. Grundsätzlich müsse jedoch auch darauf geachtet werden, dass insbesondere das jüngere Publikum einen verantwortungsvollen Umgang mit Streaming lerne, mahnte sie.

Tilo Jung pflichtete bei und stellte die Frage in den Raum, wie man es schaffe, dass die Jugendlichen wichtige Informationen erhalten, etwa durch die Tagesschau, wenn es keine festen Zeiten für die Sendungen mehr gibt. Der monatliche Preis des Streamings stelle für das sehr junge Publikum eventuell einen Hinderungsgrund dar, gab Torben Glander von der Online-Plattform joiz zu bedenken. Hinzu komme die neue Kostenlos-Kultur im Netz und das geringe Gefühl für den Wert eines Online-Produkts – dies werde eine große Herausforderung für Streamingdienste, meinte er. Dagegen hielt Sven Scheffler von N24, der forderte, man solle weniger kulturpessimistisch sein und glauben, dass Jugendliche sich keine relevanten Informationen mehr selbst suchen würden. Jörg Meyer von zattoo nannte beispielhaft einige deutsche Streaming-Plattformen und kritisierte, dass in öffentlichen Diskussionen stets auf amerikanische Vorbilder verwiesen werde.

BBE Auftaktveranstaltung der 10. Woche des Bürgerschaftlichen EngagementsAuf dem Podium wurden viele Dimensionen angesprochen, die eine große Relevanz für die weitere Entwicklung der Streamingdienstleister haben. Auch die Gespräche der Gäste und Diskutanten im Verlauf des Abends zeigten: Es steckt noch viel Potential in der Weiterentwicklung der Streaming-Angebote und gerade im Hinblick auf die digitalen Verbraucherbedürfnisse wird kontinuierlich an den Stellschrauben gedreht.

Die Planungen für das 4. Mobile Living Event am 22.10.2014 im BASE_camp Berlin sind bereits in vollem Gange. Das digitale Thema des Monats Oktober wird „Mobile Payment“ sein.

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