20141023-mobile-living-01-775x357cMobiles Bezahlen per Mobile Wallet bedeutet viel mehr als nur das bestehende Kreditkartensystem auf das Smartphone zu übertragen – es bedeutet einen Systemwechsel. Eine Vielzahl von Anbietern steht heute schon bereit, um die Kunden von ihrer Mobile Wallet-Lösung zu überzeugen. Doch was muss geschehen, um die Masse der Verbraucher und den Handel für das Bezahlen per Smartphone zu begeistern? Dieser und weiteren Fragen widmete sich die 4. Mobile Living-Veranstaltung im BASE_camp am Mittwoch, den 22. Oktober, zum Thema „Mobile Wallet – die digitale Geldbörse für alle?“

Keynote zur aktuellen Situation in Deutschland

Mobile LivingEinleitend gab Martin Schurig, Head of Financial Services Products bei Telefónica Deutschland, mit seiner Keynote einen aktuellen Überblick über das Thema Mobile Wallet. Rund 50 Prozent der heutzutage verkauften Smartphones unterstützt NFC (Near Field Communication – Nahfeldkommunikation), die mittlerweile als Schlüsseltechnologie des Mobile Payment gilt. Neben den Verbrauchern müsse auch der Handel diese Methode fördern, hob er hervor. Die Mehrheit der Einzelhändler glaube an NFC als künftige Technologie, beschrieb Schurig die aktuelle Situation. Für die Speicherung der Daten werde auf Standards der Finanzindustrie gesetzt, betonte Schurig. Er verwies auf die dabei genutzte verschlüsselte Datenübertragung. Auch sei es ein Vorteil, dass Gutscheine über die Mobile Wallet genutzt werden können.

„Wir brauchen den begeisterten Verbraucher.“

In der anschließenden Expertenrunde, moderiert von Journalist und Talkshow-Moderator Ali Aslan, diskutierten vier Experten die Massentauglichkeit der Geldbörse im Smartphone und gingen dabei auf die zahlreichen und lebhaften Fragen des Publikums ein.

Es gebe Gründe, warum Deutschland im internationalen Vergleich hinsichtlich der Nutzung von Mobile Wallet derart im Rückstand liege, erklärte Mark Wächter, Vorsitzender der Fokusgruppe Mobile beim Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V. (BVDW). Zum Beispiel sei der Handel „kein Treiber von Mobile Payment“, da er vor allem ein Interesse an geringen Transaktionskosten habe. Daher forderte er eine bessere Aufklärung der Verbraucher, etwa über verstärkte Werbemaßnahmen im Fernsehen: „Wir brauchen den begeisterten Verbraucher.“ Schließlich solle der Bezahlvorgang am Ende eines Einkaufs „keine Strafe“ sein. Außerdem äußerte er seine Überzeugung, der Verbraucher werde den Handel bestrafen, wenn dieser nicht auf die Nachfrage eingehe.
Mobile LivingKarsten Seibel, Korrespondent für Wirtschafts- und Finanzthemen bei der Tageszeitung „Die Welt“, argumentierte, dass in Deutschland bereits ein gut funktionierendes Zahlungssystem vorliegen würde. Der Journalist betonte, dass Verbraucher die Möglichkeiten von Mobile Wallet aktuell noch nicht intensiv nutzen würden. Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungssysteme beim Handelsverband Deutschland (HDE), erklärte, dass der Handel „kein Verhinderer“ für Mobile Wallet sei. Der bisherige Hinderungsgrund für den Handel seien vielmehr die hohen Kosten der Zahlungsverfahren. Jedoch wies er darauf hin, dass Bargeld als Zahlungsverfahren künftig teurer werden und somit den anhaltend steigenden Trend zur Bargeldlosigkeit verstärken könnte.

Vorteile für die Verbraucher beim Bezahlvorgang

Doch wie kann man den Verbraucher von Mobile Wallet begeistern? Binnebößel vom Handelsverband hob hervor, dass mobiles Bezahlen mit einem Zusatznutzen für die Kunden verknüpft werden könne, etwa mit Rabattaktionen, Coupons und anderen Möglichkeiten der Kundenbindung. Dadurch könne ein echter Mehrwert für die Kunden entstehen. Zudem könnten sie diese Vorteile interaktiv über ihr Smartphone wahrnehmen. Grundsätzlich stellte er fest: „Der Bezahlvorgang bleibt das notwendige Übel am Schluss.“ Doch diese Herausforderung müsse man lösen, um den Handel zur Beteiligung zu motivieren. Dies sei möglich, indem man einen Zusatznutzen für den Handel und eine gewisse Kosteneffizienz schaffe. Dafür müsse die gesamte Bandbreite der Kunden in Deutschland in die Überlegungen einbezogen werden. Christian von Hammel-Bonten, Executive Vice President Telecommunications der Wirecard Technologies GmbH, betonte den Nutzen des neuen Bezahlerlebnisses für die Kunden,. Das Smartphone biete eine interaktive Nutzeroberfläche biete und schaffe zusätzlich Transparenz, da jederzeit alle Transaktionen eingesehen werden können. Ein weiterer Vorteil für Reisende sei, dass sie in Ländern mit fremden Währungen kein Geld umtauschen müssten.

Die Debatte um die Sicherheit: „Es wird noch zu wenig aus der Kundenperspektive gedacht.“

Mobile LivingKarsten Seibel stellte die Frage, ob Verbraucher Firmen wirklich glauben, dass ihre Daten sicher seien. Binnebößel wandte ein, dass die 100-prozentige Sicherheit bei gleichzeitigem praktikablen Einsatz nur schwer zu erreichen sei, wobei zu wenig Sicherheit hingegen ebenfalls abschreckend wirke – hier müsse die Balance gefunden werden. Der Vertreter von Wirecard, von Hammel-Bonten, verglich die Komponenten bei mobilem Bezahlen mit den Sicherheitsstandards von EC- und Kreditkarten. Kartendaten würden gestohlen, argumentierte er und erläuterte, dieses Problem lasse sich mit Mobile Payment lösen. Daten würden nicht an die Händler beim Bezahlvorgang weitergegeben werden, sondern nur einmal verwendbare Token. Man müsse abwägen, welches Sicherheitsverfahren genutzt werde.

Auch die Banken hielten sich noch sehr zurück und verspielten ihre Chance, kritisierte Karsten Seibel. Dabei könnten sie vermitteln, da sie direkt mit Zahlungen verbunden seien. Es sei eher unwahrscheinlich, dass die Banken Mobile Payment den Verbrauchern „schmackhaft machen“, widersprach Mark Wächter vom BVDW. Dagegen spielten Mobilfunkunternehmen eine größere Rolle, die Infrastruktur und das Backend entsprechend sicher zu gestalten. Allerdings wollen Verbraucher kompatible Standards, hob er hervor. Daher müsse die Interoperabilität der Mobile Wallet-Lösungen beim Wechsel des Mobilfunkanbieters gegeben sein. Christian von Hammel-Bonten wies darauf hin, dass die EU durch ihre Regulierung die elektronischen Zahlungsmittel harmonisieren werde und bis 2017 die Umrüstung auf NFC vollzogen sein müsse.

Der Blick in die digitale Zukunft

Abschließend wagten die Experten des Panels den Blick in die Glaskugel auf die Situation in zehn Jahren. Fast alle Zahlungen im Alltag würden per Smartphone abgewickelt werden, obwohl Bargeld weiterhin wichtig sein werde, vermutete Mark Wächter. Da es bereits heute den Trend zu weniger Bargeld gebe, schätzte Ulrich Binnebößel, dass sich im Rahmen der Digitalisierung das Konsumverhalten ändern und den Bezahlvorgang entsprechend beeinflussen werde. Da es für die Kunden einfacher sei, werden künftig alle ihre Einkäufe über das Mobiltelefon bezahlen, war sich Christian von Hammel-Bonten sicher.

Hintergrund:

Es gibt derzeit vor allem drei verschiedene Technologien für den mobilen Bezahlvorgang: Die NFC-basierte Methode, die Zahlung per QR-Code und sogenannte Beacons, Bluetooth-basierte Chips. Laut einer Infratest-Umfrage wird Mobile Payment im Jahr 2014 bereits von knapp 18 Prozent der Smartphone-Besitzer genutzt, während rund 38 Prozent die Nutzung zumindest in Erwägung ziehen. Im internationalen Vergleich zwischen 27 Ländern liegt Deutschland auf Platz 23 – angeführt wird die Tabelle von China, Indien und Chile.

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