20150313-moli_locomotion_775x362Die Mobilität in Deutschland befindet sich im tiefgreifenden Wandel: Gab es früher nur die grundsätzliche Entscheidung zwischen dem ÖPNV und dem Auto, geht heute der Trend zum individuellen Verkehrsmittelmix. Apps für Smartphones oder Tablets planen den Weg zur Arbeit oder zum nächsten Treffpunkt. Sie zeigen Autofahrern Wetter, Staus und Baustellen an, warnen Flugreisende vor dem nächsten Streik oder informieren Bus- und Bahnnutzer über die Länge der Fahrtzeit zu ihrem Ziel. Doch wie werden Nutzer des globalen Netzes die Zukunft des Verkehrs verändern? Haben wir mehr Verkehrssicherheit und Lebensqualität durch die digitale Vernetzung? Und was passiert eigentlich mit unseren Daten?

Diese und andere Fragen diskutierte SAT.1-Fernsehmoderator Matthias Killing am 11. März 2015 im BASE_camp unter dem Motto „Per App von A nach B – die Mobilitätsrevolution“ mit den Experten Stefan Bader, Mitbegründer und CEO von parkpocket, Friedemann Brockmeyer, Experte bei civity Management Consultants, Don Dahlmann, Mobility Experte und Journalist, Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene und Christian Freese, General Manager bei Uber.

Moderne Mobilität: mehr Evolution als Revolution

Mobile Living Talk im BASE Camp BerlinVon einer Revolution im Mobilitätsbereich wollte Friedemann Brockmeyer allerdings nicht sprechen. Die aktuellen Veränderungen seien seiner Ansicht nach nicht mit den revolutionären Erfindungen wie der Dampflock und dem Verbrennungsmotor vergleichbar. Außerdem sei nur eine Minderheit von den Veränderungen der Mobilität betroffen. Auch Don Dahlmann findet, dass Revolution in diesem Zusammenhang ein großes Wort ist. Bei den Veränderungen im Bereich der Mobilität handele es sich eher um einen schleichenden Prozess. Immer mehr Menschen würden auf ein eigenes Auto verzichten. „Ich habe mein Auto vor zwei Jahren abgeschafft, weil es in der Stadt einfach keinen Sinn macht“, berichtete der Journalist, der als Gründer und Leiter des Racingblogs nachweislich eine Vorliebe für Autos hat.

Sorgen, dass bei all den Veränderungen im Bereich der Mobilität auch der ÖPNV unter die sprichwörtlichen Räder kommt, macht sich Dirk Flege aber nicht. Im Gegenteil. Der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene geht davon aus, dass die Mobilitätsbedürfnisse gleich bleiben und sich durch die Mobilitätsapps lediglich die Wahl der genutzten Verkehrsmittel ändert. „Ich sehe darin eine große Chance für den öffentlichen Verkehr, weil Informationen komfortabler zugänglich sind und auch die Wege vom Bahnhof zum endgültigen Ziel des Nutzers ausgewiesen werden“, so Dirk Flege. civity-Experte Friedemann Brockmeyer ist allerdings der Ansicht, dass viele Menschen die durch Verkehrsapps vermittelte Wahlfreiheit gar nicht brauchen: „95 Prozent der Menschen legen jeden Tag zu 95 Prozent die gleichen Wege zurück“, ist der Verkehrsökonom überzeugt. Ein Lob hatte er für die smarten Mobilitätsinformanten aber trotzdem parat. Die Apps hätten die Suchkosten verringert. „Der Big Bang fehlt aber noch. Das wird sich ändern, wenn die Bezahlfunktionen verbessert werden“, prognostizierte er.

Moderne Mobilität: Big Bang durch Bezahlfunktion?

Eine Funktion anzubieten, mit der man sich bereits von zu Hause aus ein Parkticket kaufen und damit einen Platz im Parkhaus reservieren kann, ist tatsächlich das nächste Ziel der Parkplatzplattform parkpocket.com, wie deren Mitbegründer und CEO Stefan Bader ankündigte. Der Überzeugung von Friedemann Brockmeyer, gerade für Start-Ups sei der Verkauf von Nutzerdaten das einzig rentable Geschäftsmodell, wiedersprach er: „Bei uns gibt es keinen Log-In für User, wir erheben keine persönlichen Daten.“ Das Geschäftsmodell von parkpocket.com sei vielmehr, die Statusdaten – die Standorte der Parkhäuser – mit Echtzeitdaten – der aktuellen Verfügbarkeit von Parkplätzen – zu kombinieren, so Stefan Bader.

Auch bei Uber ist der Verkauft der Daten seiner Nutzer ausgeschlossen, wie der General Manager Christian Freese betonte. Das Unternehmen stellt die auf der Plattform erhobenen Daten lediglich anonymisiert für einen guten Zweck zur Verfügung: „Städte, die mit uns kooperieren, können daraus ablesen, wo zum Beispiel abends nach der Disko Mobilitätsengpässe bestehen und wie ihr ÖPNV-Angebot zu verbessern ist“, erläuterte Christian Freese. Auch die Verkehrssicherheit der Nutzer wird in dem Unternehmen aus dem Silicon Valley groß geschrieben. Es könne nicht jeder Interessent einfach Fahrer bei Uber werden. Die Mobilitätsdienstleister verlangen vorher ein Führungszeugnis, werfen einen Blick auf das Punktekonto in Flensburg und nehmen den Fahrer in spe bei einer persönlichen Prüfung unter die Lupe. Jeder, der für Uber fahren möchte, muss zudem eine Schulung absolvieren. Die Länge richte sich nach den Vorkenntnissen. „In Berlin sind die Vorkenntnisse relativ hoch, weil wir hier mit Taxifahrern kooperieren“, erzählte der Uber-Vertreter.

Moderne Mobilität bleibt urbanes Phänomen

Die Flexibilität der schönen, neuen, modernen Mobilität – sie bleibt nach Ansicht der Experten auf dem Podium bis auf weiteres allerdings ein urbanes Phänomen. Mangels Alternativen wird sich in ländlichen Gebieten wie beispielsweise Brandenburg an der Abhängigkeit vom Auto so schnell nichts ändern. Dank Angeboten von Mitfahrapps wie flinc muss es nun aber auch dort nicht mehr das eigene Auto sein, wie Dirk Flege berichtete. In den urbanen Zentren bahnt sich hingegen eine echte Revolution an. Nach Ansicht von Don Dahlmann werden automatisiert fahrende, datengesteuerte Autos bereits in 15 Jahren unsere Städte erobern. „Die autonom fahrenden Autos entlasten die Umwelt, senken die Zahl der Unfallopfer und bringen Zeitersparnis, weil die Fahrzeuge in engerem Abstand auf der Autobahn fahren können und Stau vermieden wird“, so der Mobilitätsexperte. Das Automobil wie wir es derzeit kennen, bleibt nach den Erwartungen von Dirk Flege generell aber auf dem Rückzug. Die Fortbewegung zu Fuß, mit dem Rad und mit dem ÖPNV werde dafür weiter an Bedeutung gewinnen, so der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene. Darin stimmte ihm die gesamte Podiumsrunde zu.

Mobile Living Talk im BASE Camp BerlinFür die fünf Kandidaten aus dem Publikum, die während der Diskussionsveranstaltung einen Mobilitätstest absolvierten, galt diese Zukunftsprognose jedoch noch nicht. Die Herausforderung, auf schnellstem Wege zum Europa-Center in der Tauentzienstraße und wieder zurück zum BASE_camp in der Mittelstraße – insgesamt rund 10 km – zu kommen, meisterten die Nutzerinnen der Apps Uber und mytaxi am besten. Als nächstes trafen der BVG– und der DriveNow-Fahrer bei der Event-Location ein. Das Schlusslicht bildete an diesem Abend der Fahrradfahrer. Morgens im Berliner Berufsverkehr hätte er vielleicht sogar die Nase vorn gehabt, wie Moderator Matthias Killing den Radler zu trösten wusste.

Moderne Mobilitätswelt im BASE_camp

Mobile Living Talk im BASE Camp BerlinDie moderne mobile Mobiliätswelt konnte nach der Diskussion auch das Publikum im BASE_camp entdecken. An zahlreichen Ständen wurden beliebte Apps zum Thema Mobile Locomotion vorgestellt. Auch O2 Car Connection wurde präsentiert. Am Gewinnspiel-Counter konnten jeweils zwei Gäste gegeneinander antreten. Es galt Entfernungen innerhalb der Stadt zu schätzen: Wie lange dauert es von A nach B mit dem Auto, dem ÖPNV und zu Fuß? Der Gewinner der Challenge konnte sich über ein HTC one freuen.

Pünktlich zur re:publica wird im BASE_camp am 5. Mai 2015 wieder ein aktuelles Thema mit der Community diskutiert. In der Mobile-Living-Reihe wird es an diesem Abend um Mobile Traveling gehen.

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