Mitchell Baker

Mitchell Baker

Das Internet wird immer mobiler, die Welt immer vernetzter. Über die Zukunft der Digitalisierung und die Folgen diskutieren Mitchell Baker, Vorsitzende der Mozilla Foundation, und Telefónica Deutschland CEO Thorsten Dirks im Chat-Interview.

Mozilla und Telefónica treten für ein offenes Internet ein: Was heisst Offenheit im Web, warum ist sie so wichtig?

Mitchell Baker: Das Internet, wie wir es heute kennen, konnte sich nur dank einer Philosophie der Offenheit entwickeln. Es begann als ungeplante, vom menschlichen Erfindergeist befeuerte Massenbewegung, die es ablehnte, sich auf eine zentrale Idee festzulegen. – So entstanden völlig neue Ideen, Märkte verschoben sich, unser aller Leben wurde neu definiert. Letztlich geht es nicht um das Web, sondern um unsere Erfahrung: Offenheit gibt uns die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, zu experimentieren, Einfluss darauf zu nehmen, wie Technologie unser Leben beeinflusst.

Thorsten Dirks:

Thorsten Dirks

Thorsten Dirks

Offenheit bedeutet, dass die Möglichkeiten der Technologie allen zugänglich sind. Diesem Ziel sind wir verpflichtet – dazu gehört etwa, dass Telefónica im Jahr 2012 weltweit neuneinhalb Milliarden Euro in Breitband-Infrastruktur investiert hat, fast 60 Prozent davon in Südamerika. Es geht aber nicht nur um den Zugang zu Netzwerken. Offenheit heißt auch optimale Verknüpfung: E-Mails und SMS-Nachrichten können weltweit gesendet und empfangen werden, weil sie auf internationalen und offenen Standards beruhen – es spielt keine Rolle, welchen E-Mail-Anbieter oder welches Gerät man benutzt. Solche Standards sind entscheidend, wenn das Internet wirklich global sein soll. Im Moment gewinnen aber geschlossene Systeme an Bedeutung, die genau dieses Prinzip eines offenen Webs infrage stellen.

Warum ist Offenheit auch für Innovation wichtig?

Thorsten Dirks: Die Geschichte hat gezeigt, dass offene Systeme am besten Innovation ermöglichen und sie beschleunigen – Mozilla ist dafür ja ein eindrucksvolles Beispiel. Geschlossene Systeme, insbesondere technologische Ökosysteme, sind aus meiner Sicht auf Dauer für die gesellschaftliche Entwicklung nicht förderlich. Und genau darauf beruht doch letztlich ein Wirtschaftssystem: Nutzen für Verbraucher und Gesellschaft mit unternehmerischem Erfolg und technologischem Fortschritt zu verbinden – aber eben in einer Balance.

Mitchell Baker: Stimmt: Als kleines, unbekanntes Startup gelang es uns mithilfe von ehrenamtlichen Programmierern, auf der ganzen Welt den Webbrowser Firefox zu entwickeln und dem damals marktbeherrschenden Browser Konkurrenz zu machen. Ohne offenes Internet wäre das unmöglich gewesen: Innovation ist schwierig, wenn man zwei, fünf oder zehn Platzhirsche erst um Erlaubnis fragen muss. Für die kann es ja durchaus ökonomischen Sinn machen, das Geschäft möglichst für sich zu behalten.

Thorsten Dirks: Auch Patente können ein Mechanismus sein, um den Wettbewerb einzuschränken und Innovation zu bremsen. Patentstreitigkeiten dürfen die Digitalisierung unserer Gesellschaft und den technischen Fortschritt nicht behindern. Eine der definierenden Charakteristiken des Internets ist ja, dass es auf lizenzfreien Standards beruht. Diese offenen Standards garantieren auch die Kompatibilität verschiedener Dienstleistungen und Produkte, was größere Märkte schafft und damit wieder mehr Anreiz zur Innovation.

Mitchell Baker: Kurzfristig kann manchmal ein zentralisiertes, geschlossenes System überlegen scheinen. Auf lange Sicht aber wird es immer schwieriger, daran etwas zu ändern, und Innovation kommt zum Stillstand. Als etwa 97 Prozent der Nutzer den Internet Explorer von Microsoft auf dem Computer hatten, verlangsamte sich die Entwicklung im Browsersektor abrupt. Diese Fehler vom Desktop dürfen wir jetzt, wo der Weg ins Internet zunehmend über Mobiltelefone oder Tablets führt, nicht wiederholen.

Besteht diese Gefahr?

Thorsten Dirks:
Firefox FutureNicht unmittelbar, aber es geht in eine kritische Richtung. Neunzig Prozent aller Smartphones laufen heute mit nur zwei Betriebssystemen, Googles Android und Apples iOS. Wer sich für ein System entschieden hat, muss die Apps aus diesem System nutzen – andere funktionieren auf dem Gerät nicht. Auch Programmentwickler sind ans jeweilige System gefesselt. Solche Marktkonzentration ist schlecht für den Wettbewerb, für die Wahlmöglichkeiten des Konsumenten, für Innovation.

Mitchell Baker: Deshalb haben wir Firefox OS entwickelt, ein neues, offenes Betriebssystem für Smartphones, das das Web als Plattform nutzt: Es beweist, dass die Geräte in unseren Taschen so offen sein können, wie das Web auf unserem Desktop.

Thorsten Dirks: Telefónica hat Firefox OS von Anfang an unterstützt. Wir wollen die Verwendung offener Technologie im Smartphone-Bereich vorantreiben. Das gibt dem Konsumenten Unabhängigkeit und Wahlmöglichkeiten. In zahlreichen Ländern, vor allem in Südamerika, sind Geräte mit Firefox OS schon recht erfolgreich am Markt. Letztlich entscheidet natürlich der Verbraucher mit seinem Konsumverhalten. Und diesem werden wir folgen. Wir können hier nur Aufklärung schaffen und Alternativen aufzeigen.

Smartphones mit offenen Betriebssystemen sind zudem billiger

Thorsten Dirks: Das ist ein wichtiger Aspekt, wenn es um offenen Zugang zum Internet geht: Der Preis von Smartphones bedeutet nämlich in vielen Weltgegenden noch ein großes Hindernis für die Teilnahme an der Digitalisierung. Überhaupt haben die Entwicklungen bei Smartphones weitreichende Auswirkungen, denn wie Mitchell schon angesprochen hat, nähern wir uns einem Wendepunkt: Internetnutzung wird bald mehrheitlich über Mobilgeräte stattfinden. Die nächsten zwei Milliarden Menschen werden das Web über Handys kennenlernen. Die Zukunft des Internets ist also eng mit der Zukunft von Mobiltelefonen und Betriebssystemen verbunden.

Mit diesen Geräten als ständige Begleiter geben wir aber auch mehr Daten über uns preis …

Mitchell Baker: Eine Explosion an Daten, ja. Noch ist nicht klar, wie sich das auf die menschliche Erfahrung im Web auswirken wird.

Thorsten Dirks: Datenschutz ist dem Konsumenten sehr wichtig, das zeigen alle Umfragen. Auch junge Leute sind in dieser Hinsicht ganz und gar nicht so sorglos, wie oft angenommen, auch wenn es noch immer eine sehr menschliche Abwägung zwischen Sicherheit und Bequemlichkeit ist. Die Konsumenten wollen die Kontrolle über ihre Daten, und sie wollen sie mitnehmen, wenn sie das Gerät wechseln. Nur wenn die Menschen die Kontrolle über ihr digitales Leben behalten, kann Vertrauen aufgebaut werden – und vom Vertrauen hängt maßgeblich das weitere Wachstum der digitalen Wirtschaft ab.

„Nur wenn die Menschen die Kontrolle über ihr digitales Leben behalten, kann Vertrauen aufgebaut werden – und vom Vertrauen hängt maßgeblich das weitere Wachstum der digitalen Wirtschaft ab.“ (Thorsten Dirks)

Um Sicherheit und Privatsphäre geht es unter anderem auch bei der Internet Governance:
Wie sollte Ihrer Meinung nach die internationale Zusammenarbeit zur Regelung des Internets aussehen?

Thorsten Dirks: So ein Regelungssystem muss auf jeden Fall den schnellen technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der digitalen Ära Rechnung tragen, und muss flexibel genug sein, Weiterentwicklung zu ermöglichen; und es muss faire Rahmenbedingungen schaffen, die privaten Investoren Sicherheit geben und allen die gleichen Chancen garantieren. In unseren Augen ist dafür ein Multi-Stakeholder-Modell, bei dem auch die Zivilgesellschaft und unterschiedliche Interessenvertreter mitwirken, besser geeignet als eine Zusammenarbeit nur auf Regierungsebene.

Mitchell Baker: Das sehe ich genauso. Ein Prozess, an dem ausschließlich Regierungen beteiligt sind – ich kann mir nicht vorstellen, dass für die Entwicklung des Internets dabei etwas anderes als ein großes Problem herauskommt.

Im Hinblick auf diese Entwicklung wird die derzeit herrschende Netzneutralität diskutiert- also die Gleichbehandlung aller Datenpakete, unabhängig von Inhalt, Sender oder Empfänger.
Was halten Sie von der Idee differenzierter Internetdienste – wer mehr bezahlt, erhält besseren Service?

Mitchell Baker: Ich hoffe sehr, dass die Netzneutralität erhalten bleibt. Wenn es, wie bisher, möglich sein soll, dass jemand ohne Geld, aber mit einer guten, innovativen Idee die Konsumenten erreichen kann, dann ist Netzneutralität unverzichtbar.

Thorsten Dirks: Wir sind für ein neutrales Netz in dem Sinne, dass Konsumenten ungehinderten Zugang haben und keinerlei Diskriminierung stattfindet. Es sollten daneben aber auch neue Geschäftsmodelle möglich sein, die Preis- und Qualitätsdifferenzierungen auf ausdrücklichen Wunsch von Kunden oder Dienstanbietern erlauben. Voraussetzung ist, dass der Konsument dank transparenter und klarer Information das für ihn passendste Angebot auf dem Markt wählen kann und dass auf dem Markt fairer Wettbewerb herrscht. Ziel muss es sein, im Wettbewerb stets zu den bestmöglichen Lösungen für den Kunden zu kommen.

Thorsten Dirks, ist seit 2014 Chief Executive Officer der Telefónica Deutschland Holding AG. Zuvor war er sieben Jahre Vorsitzender der Geschäftsführung der E-Plus-Gruppe, die heute Teil von Telefónica Deutschland ist. In dieser Zeit entwickelte er die erfolgreiche Mehrmarken – Strategie des Unternehmens. Der Diplom-Ingenieur arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Telekommunikationsbranche. 2009 publizierte Dirks das Fachbuch „Ich, Du, Er, Sie, Es und Wir: Wie wir kommunizieren werden“ über die Zukunft der Telekommunikation.

Mitchell Baker ist Vorsitzende der Mozilla Foundation, einer globalen Non-Profit-Organisation mit dem Ziel, Offenheit, Innovation und Chancengleichheit im Internet zu fördern. Über die Tochtergesellschaft Mozilla Corporationent wickelt und vertreibt das Unternehmen unter anderem den Webbrowser Mozilla Firefox, das E-Mail-Programm Mozilla Thunderbird sowie das mobile Open-Source-Betriebssystem Firefox OS. Die US-Amerikanerin Baker ist promovierte Juristin und gilt als eine der wichtigsten Vordenkerinnen des Internets.

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin-Teil des Geschäftsberichts 2014, den Sie hier als PDF herunterladen können.

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