Jaron Lanier - Digital Masterminds

Jaron Lanier (rechts) im Gespräch mit Mathias Müller von Blumencron (FAZ)

Schon seine Website startet mit dem Hinweis: „Jaron hat keine Social-Media-Accounts und alle vorhandenen sind Fälschungen.“ Er war einer der Gründerväter der modernen Internet-Kultur, doch heute warnt Jaron Lanier vor ihren negativen Seiten, die er seitdem für sich entdeckte: Algorithmen im Web, die unsere Entscheidungen manipulieren und die Demokratie ins Wanken bringen. Sozialnetzwerke würden die Macht in den Händen weniger Milliardäre konzentrieren und den Rest der Gesellschaft verarmen lassen. Mit solchen ungewöhnlichen Thesen brachte er gestern das BASE_camp zum Debattieren – und bekam dabei nicht nur Zustimmung.

Jaron Lanier war als prominenter Gast bei den Digital Masterminds. Das ist die neue Veranstaltungsreihe, bei der das BASE_camp international renommierten Vordenkern und Leadern der digitalen Welt eine Plattform bietet, um ihre Positionen zu diskutieren. In Telefónicas Thinktank im Zentrum von Berlin treffen sie auf Journalisten und Unternehmensvertreter, um die Aspekte des digitalen Lebens zu analysieren und Lösungen für die Zukunft zu finden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktuellen gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung: angefangen von den Entwicklungen auf dem Wirtschafts- und Arbeitsmarkt bis hin zum Einfluss der neuen Techniken auf das Privatleben oder die Bildung. Digital Masterminds @BASE_camp wird zusätzlich online über Facebook und Twitter begleitet, woraus sich interessante Diskussionen ergeben.

Die zweite Ausgabe der Veranstaltungsreihe wollte gestern lang nicht enden. Bis in die Nacht standen die Teilnehmer, die vorher den Veranstaltungsort bis zum letzten Platz ausgefüllt hatten, noch im Hof und unterhielten sich weiter. Der Moderator Mathias Müller von Blumencron (FAZ) hatte den bekannten Internet-Pionier so gut zum Reden gebracht, dass anschließend beide noch länger blieben und sich für Einzelgespräche unter die Leute mischten. Für Gesprächsstoff war genug gesorgt: Jaron Lanier ist vor allem durch seine Kritik an der Schwarmintelligenz bekannt und warnt in seinem neuen Buch (Wem gehört die Zukunft?): „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne, du bist ihr Produkt.“ Fast alle neuen Konzepte des Social Web bekommen bei ihm eine Breitseite. Deshalb läuft die Diskussion von gestern auch heute noch weiter bei Twitter mit dem Hashtag #DigiMinds. Wer daran teilnehmen möchte, findet hier seine wichtigsten Thesen als Denkanstoß.

Digitaler Maoismus: Kollektiv glaubt sich unfehlbar

Digital Masterminds - PublikumSchwarmintelligenz ist nicht klug. Sie sei nur zur Vorhersage von Statistiken und Zahlenwerten geeignet, nicht aber zur Darstellung von Wissen. Systeme wie Wikipedia, die er dem Konzept der Schwarmintelligenz zuordnet, verbreiteten keine Wahrheiten, sondern nur die Durchschnittsmeinung einer anonymen Masse. Lanier: „Seitdem die meisten Suchmaschinen eher zur wikifizierten Version als zum Original führen, hat das Web einiges an Charakter verloren.“

Social Media führt zu „digitalem Maoismus“. Hierbei handelt es sich um eine durchs Internet geförderte Einstellung, die davon ausgeht, dass nur die Masse Intelligenz, Ideen und Wahrheiten hervorbringe, nicht aber der einzelne Mensch. „Eine Grundüberzeugung der Wiki-Welt ist es, dass im Verlauf des kollektiven kreativen Prozesses jedes nur erdenkliche Problem, das im Wiki auftaucht, Stück für Stück korrigiert werden wird. Das entspricht dem unumstößlichen Vertrauen, das Ultraliberale in die Unfehlbarkeit des Marktes und Ultralinke in die Gerechtigkeit von Konsensprozessen haben. In all diesen Fällen waren die Ergebnisse bisher eher fragwürdig. Was wir jetzt beobachten können, ist eine beängstigende Ausbreitung des Trugschlusses, das Kollektiv sei unfehlbar.“

Share Economy: Unsicherheit und Armut durch Algorithmen

Digital Masterminds Logo - TabletEnteignung durch Digitalisierung. „Die Nutzer werden entmündigt, sie haben keine Macht. Indem sie die Dienste nutzen, werden sie zur Datenmasse und verlieren die Kontrolle. Die großen Firmen verdienen wahnsinnig viel Geld, der Einzelne geht leer aus.“

Austerität durch Algorithmen: „Algorithmen erzeugen keine Garantien, doch sie zwingen nach und nach die breite Gesellschaft dazu, Risiken zu übernehmen, von denen nur ein paar wenige profitieren. Dies wiederum führt zu Austerität, rigorosen Sparmaßnahmen seitens der Politik. Da Austerität mit einer Share Economy gekoppelt ist, erlebt jeder einzelne, bis auf die winzige Minderheit ganz oben auf den Rechnerwolken, einen graduellen Verlust von Sicherheit.“

Gefährlicher als staatliche Überwacher: „Staatlicher Überwachung entgegenzuwirken ist grundlegend für die Zukunft der Demokratie, aber Aktivisten dürfen nicht vergessen, dass wir es im Moment mit einer Situation zu tun haben, in der durch Mechanismen von ungleicher Wohlstandsverteilung und Austerität die Regierungen zugunsten der Unternehmen geschwächt werden, die die Daten überhaupt einsammeln.“

Freiwillige Entmündigung: „Manchmal frage ich mich, ob wir unsere Demokratien an Technologie-Firmen outgesourct haben, damit wir nicht selbst zur Rechenschaft gezogen werden können. Wir geben unsere Macht und unsere Verantwortung einfach ab.“

Zukunftsperspektive: „Die verschiedenen Institutionen, die von Menschen erfunden werden, müssen sich nicht gegenseitig auslöschen, sondern können sich gegenseitig ins Gleichgewicht bringen. Wir können lernen, loyale Oppositionen innerhalb der Institutionen zu sein, die wir unterstützen oder zumindest tolerieren, seien es Regierungen, Unternehmen, Religionen, etc. Wir müssen nicht immer zerstören, um etwas zu erschaffen. Wir können und sollten in einem Knäuel von Loyalitäten leben. So könnten wir den Rudel-Schalter vermeiden.“

Jaron Lanier: Internetpionier und Netzkritiker

Jaron LanierEigenwillig, unangepasst und extrem erfolgreich: Mit seiner Kritik an der Allmacht von Google, Facebook und Co. präsentiert sich der Computer-Pionier und Buchautor Jaron Lanier als Gegenspieler der großen Internetkonzerne. Seine Fangemeinde wächst trotzdem stetig. Spätestens seit der Verleihung des renommierten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2014 ist der Mann mit den Dreadlocks auch in Deutschland in aller Munde.

Buchveröffentlichungen:

  • „Information Is an Alienated Expense“ (2006)
  • „You Are Not a Gadget“ (2010); (dt. „Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht“; 2012)
  • „Who owns the future?“ (2013); (dt. „Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt“ ; 2014)

Trotz seinen kritischen Ansichten ist Jaron Lanier (*1960 in New York) jedoch kein Gegner des technischen Fortschritts. So gehört der 55-jährige Informatiker, der auch als Musiker und Künstler erfolgreich ist, zu den Visionären der digitalen Kultur. Bereits als Teenager belegte er Universitätsseminare in Mathematik. Er begeisterte sich früh für virtuelle Realität und arbeitete Anfang der Achtzigerjahre für die Firma Atari, die die ersten Videospiele auf den Markt brachte. Für ein Start-up Unternehmen ersann er Konzepte für Datenbrillen, die später eine wichtige Funktion bei der Entwicklung von Google Glass spielten.

Die Rolle des Kritikers, der in den digitalen Medien ein Werkzeug des Hyperkapitalismus und des Überwachungsstaates sieht, nahm er erst ausgelöst durch den Zusammenbruch des Hedgefonds Long-Term Capital Management 1998 und die anschließenden Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten ein. Jaron Lanier sagt, dass zu diesem Zeitpunkt eine Art Pokerspiel mit Computern begonnen habe. Er betont, dass er kein Netzskeptiker sei und lediglich dagegen aufbegehre, dass die ursprüngliche Idee des freien Internets und seiner Nutzung im Laufe der Zeit immer mehr abhanden gekommen sei. Nach diesem Schlüsselmoment in seinem Leben richtete er sich beruflich neu aus. Heute hält er Vorträge und schreibt Bestseller-Bücher über Cyberkapitalismus, die er auf eine philosophisch-technische Ebene stellt. Dabei schafft er es immer wieder, wichtige Debatten loszutreten. Im Jahr 2010 war Jaron Lanier unter den Nominierten für die Liste der 100 einflussreichsten Menschen des Magazins TIME.

Schlagzeilen der deutschen und internationalen Presse über Jaron Lanier:

Weitere Informationen

Look Back: Digital Masterminds mit Jaron Lanier @ BASE_camp
Base_camp: Website
Base_camp: Veranstaltungen

Fotos: Christian Klant und Henrik Andree

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