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Michael Sandel (li.) und Thorsten Dirks

Möchten Sie, dass jemand weiß, welche TV-Serie Sie sehen, auch wenn mit dieser Information nichts geschieht? Macht es für Sie einen Unterschied, ob ein Mensch oder eine Maschine Ihre E-Mails mitliest? Trägt der Ingenieur die Verantwortung für Unfälle von selbstfahrenden Autos, oder doch der Insasse? Die Digitalisierung ist keine Zukunftsmusik, sondern sie ist in vollem Gange. Deshalb sind wir alle mit grundlegenden Fragen über das Leben im digitalen Zeitalter konfrontiert – als Anwender, Entscheider und als aktive Bürger.
Über 200 Meinungsführer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diskutierten mit dem berühmten Harvard Professor und Philosophen Michael Sandel und Telefónica Deutschland CEO Thorsten Dirks über die ethischen Dimensionen der Digitalisierung und der Nutzung von Big Data.

Rund um den Begriff Big Data wird eine Debatte der Extreme geführt: Die einen sprechen von einem goldenen Zeitalter des Wissens, andere sehen die totale Überwachung. Big Data birgt enorme Chancen für sämtliche Bereiche: von Gesundheit bis zur Mobilität. Allerdings müssen Unternehmen und Gesellschaft die Bedenken der Skeptiker hinsichtlich Privatsphäre, Individualität und Manipulation ernst nehmen.

Das hat Telefónica Deutschland am gestrigen Abend in Berlin getan. Zu Gast im Telefónica BASECAMP war einer der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen weltweit, der bereits Säle wie das Opernhaus in Sydney mit seinen Auftritten füllte. Michael Sandel sprach das Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und Allgemeinwohl ganz offen an, ohne selbst bereits eigene Antworten zu präsentieren. Vielmehr forderte er das Publikum auf, eigene ethische Grenzen zu ziehen: „Too often, political parties and politicians it seems don’t really address the questions that matter most. About justice and the common good, about markets and what it means to be a citizen. Together, we here will have made a beginning toward renewing democratic citizenship itself,“ so der Amerikaner.

Telefónica Deutschland als Treiber der Digitalisierung

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Thorsten Dirks

„Die digitale Transformation verändert alles“, betonte Telefónica Deutschland CEO Thorsten Dirks in seiner Eröffnungsrede. „In unserer Rolle als ein Hauptakteur in diesem Bereich sind wir nicht nur passiver Teil der Transformation. Wir befürworten sie und treiben sie aktiv voran.“ Das Telekommunikationsunternehmen bietet zwei zentrale Rohstoffen für die Digitalisierung: Konnektivität und Datenanalyse. Mit Advanced Data Analytics entwickelt Telefónica Deutschland selbst Lösungen für die Analysen großer Datenmengen.

„Wir brauchen einen grundlegenden Konsens in unserer Gesellschaft, wie wir prinzipiell mit Daten umgehen wollen“, fordert Dirks. „Wie wollen wir unser Leben in einer digitalen Gesellschaft organisieren?“ Dabei machte er klar, dass auch Telefónica Deutschland diese Fragen nicht final beantworten kann oder will, denn auch das Unternehmen betrete Neuland. Vielmehr möchte Telefónica Deutschland zuhören, lernen und seine eigenen Erfahrungen mit der Öffentlichkeit teilen. Wichtig sei der offene Dialog zu diesem komplexen Thema, betonte Dirks.

Welche Gesundheitsdaten würden wir für Geld preisgeben?

Michael-Sandel_14062016_BASECAMP-Berlin_0435-1280x720Als Beispiel führte Thorsten Dirks an, dass das Smartphone bereits für viele zum persönlichen Fitnesstrainer geworden ist. Es zählt unsere Schritte und kann auch unsere Vitalfunktionen überwachen. Die Menschen erzeugen alleine dadurch eine riesige Datenmenge. Sie kann Ärzten helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Dieses Beispiel griff Michael Sandel auf. „Würden Sie ihre Gesundheitsdaten per Armband messen und der Versicherung zur Verfügung stellen, wenn Sie dafür einen vergünstigten Tarif erhalten?“
Mit dieser Frage entfachte der Philosoph eine Diskussion im Publikum. „Ich würde dadurch den Spaß am Essen und Faulenzen verlieren – und mich damit selbst kontrollieren und einschränken“, gab eine junge Frau aus dem Publikum zu bedenken. „Wäre es aber nicht sowieso besser, gesünder zu essen und sich mehr zu bewegen? Das Armband wäre ein guter Anreiz dafür“, entgegnete ein anderer Gast. „Doch fühlen sich Menschen mit weniger Geld nicht dann gezwungen, den günstigeren Tarif und damit die Kontrolle zu wählen?“ war ein weiterer Einwurf.

Ist Privatsphäre gleich Privatsphäre?

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Michael Sandel

Alleine diese Diskussion offenbarte, dass jeder etwas anderes unter Privatsphäre und Individualität versteht. Sandel stellte die These auf, dass es hierbei auch einen Generationsunterschied gebe. So habe er den Eindruck gehabt, dass viele junge Menschen bei den Aufdeckungen von Edward Snowden nicht hätten nachvollziehen können, was das Problem sei, wenn die Regierung Telefonate abhöre – denn man habe ja nichts zu verbergen. Die gleichen Menschen hätten aber ein Problem damit, wenn ihre Eltern ihre Telefonate abhören würden, gab Michael Sandel zu bedenken.
Privatsphäre ist also nicht gleich Privatsphäre – sondern die Frage, wem gegenüber ich meine Informationen preisgeben möchte. Auch mit diesem Beispiel zeigte Michael Sandel auf, dass es auf moralische Fragen in Zeiten der Digitalisierung keine einfachen Antworten gibt.

Weiteren Diskussionsstoff lieferte die These, dass durch die Digitalisierung die Grenzen zwischen Unternehmen und der Regierung verschwimme. Als Beispiel nannte Sandel das Autofahren: Moderne Fahrzeuge übermitteln den Automobilunternehmen detaillierte Informationen über Geschwindigkeit und zurück gelegtem Weg. „Doch was passiert, wenn Sie zu schnell fahren und damit das Gesetz brechen?“ Und er geht in seiner Fragestellung noch einen Schritt weiter: „Trägt der Ingenieur die Verantwortung für Unfälle von selbstfahrenden Autos, oder doch der Insasse?“

Wer darf nach meinem Tod mit meinem digitalen Klon sprechen?

Telefonica-MichaelSandel-2330-1280x720Zum Anschluss der Veranstaltung thematisiert der Philosoph Michael Sandel noch ein sehr sensibles Thema: den Tod und das digitale Leben danach. Jeder von uns hinterlässt im Internet jede Menge digitaler Spuren – auch über unseren Tod hinaus. Sandel startete ein Gedankenexperiment: Das Publikum soll sich vorstellen, dass aus diesen Daten ein digitaler Klon von uns erstellt werden kann. Verwandte und Freunde könnten mit Hilfe eines Algorithmus auch nach unserem Tod noch mit unserem digitalen Klon kommunizieren. „Würden wir selbst mit einem Angehörigen über dessen Tod hinaus auf Basis seiner Daten in Kontakt bleiben wollen? Wem würden wir selbst Zugang zu unserem digitalen Klon nach unserem Tod geben?“ will Sandel vom Publikum wissen.
Die übergeordnete Fragestellung, die sich daraus ergibt: Berührt es unsere Privatsphäre, wenn wir selbst entscheiden, wer mit unserem digitalen Klon in Kontakt treten kann – und das auf Basis der Daten, die wir freiwillig im Laufe unseres Lebens veröffentlicht haben?

Impressionen der Veranstaltung

Keine finale Antwort, sondern der Beginn eines gesellschaftlichen Diskurses

Michael Sandel ist bekannt dafür, dass er keine vorgefertigten Antworten präsentiert. Er gibt auch an diesem Abend in Berlin keine Antwort auf ethische Fragen im digitalen Zeitalter. Sein Ziel ist vielmehr eine öffentliche Diskussion mündiger Bürger. „Egal, wie intelligent die Maschinen sind, die wir erfinden: eines können sie nicht und das ist unsere Aufgabe: Darüber zu bestimmen, wie sie genutzt werden.“ Mit diesen Worten schloss Michael Sandel den offiziellen Teil der Veranstaltung ab. Bis tief in die Nacht wurde im Telefónica BASECAMP weiterdiskutiert – und dies, so wünscht es sich Thorsten Dirks, soll erst der Beginn eines wichtigen gesellschaftlichen Diskurses sein.

Auf der Veranstaltung veröffentlichte Telefónica Deutschland eine Themen-Website rund um die smarte Datenanalyse im Rahmen des Geschäftsfeldes „Advanced Data Analytics“. Dort kann sich die interessierte Öffentlichkeit darüber informieren, aus welchen Daten Telefónica Deutschland welche Erkenntnisse zieht, wie dabei über ein zum Patent angemeldetes Anonymisierungsverfahren die individuellen Daten geschützt werden und warum Telefónica Deutschland sich für einen souveränen Umgang mit persönlichen Daten einsetzt.

Fotos: Christian Klant und Henrik Andree

Weitere Informationen

Ethik im Zeitalter der Digitalisierung: Michael Sandel im Telefónica BASECAMP (1. Juni 2016)

Michael Sandel im BASECAMP: Wir brauchen eine neue Privacy-Debatte (15. Juni 2016)

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