Thorsten Dirks im Interview mit der Sueddeutschen Zeitung

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht CEO Thorsten Dirks über Führungsaufgaben im digitalen Zeitalter, wandelnde Erlösquellen im Mobilfunk und Voraussetzungen für die 5G-Technologie. Hier Auszüge des Gesprächs.

SZ: Gut zwei Jahre ist es nun her, dass sich E-Plus und Telefónica Deutschland zusammengetan haben. Was hat sich für Sie persönlich geändert?
Thorsten Dirks: Ich bin deutlich mehr unterwegs.

Sie könnten es doch aber einfacher haben und an einen Standort ziehen?
Dirks: Wir sind ein digitales Unternehmen – und zwar an mehreren Standorten: München, unser größter Standort, ist unser Firmensitz. Aber auch an den beiden kleineren, Düsseldorf und Hamburg, werden wir festhalten. Vorstandssitzungen machen wir schon mal per Videokonferenz. Aber zumeist wechseln wir, treffen uns mal in München, mal in Düsseldorf, auch mal in Hamburg.

Das klingt stressig.
Dirks: Ist es aber nicht. Ich habe heute kein festes Büro mehr.

Und das ist besser?
Dirks: Ein fester Arbeitsplatz bringt auch Ballast. Wenn Sie mal das Büro wechseln, merken Sie, was sich da alles an Kram ansammelt. Davon habe ich mich komplett verabschiedet. Was ich brauche, habe ich digital. Ich arbeite, wenn ich in der Bahn oder am Flughafen sitze, auch mal abends. Dafür kann ich aber auch mal morgens zum Friseur und muss nicht im Büro sitzen.

Aber wenn Sie so viel unterwegs sind, können Mitarbeiter seltener bei Ihnen an die Tür klopfen.
Dirks: Statt anzuklopfen, rufen sie an. Die Gespräche am Telefon sind häufiger geworden, aber auch kürzer. Und mir ist es wichtig, dass ich mich im Unternehmen bewege, mit Mitarbeitern spreche.

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Sie wollen die Fusion auch nutzen, um das Unternehmen zu digitalisieren. Was stellen Sie sich da vor?
Dirks: Wenn Sie einen Scheißprozess haben und den digitalisieren, dann haben Sie einen scheißdigitalen Prozess. Das Schwierige ist ja nicht die Digitalisierung an sich. Das Schwierige ist die Vereinfachung von Strukturen und Prozessen.

Was genau vereinfachen Sie?
Dirks: Vor zwei Jahren wollte ich wissen, wie die Netzqualität in einer Region mit den dort verkauften Tarifen zusammenhängt. Es wurde ein Report erstellt, den haben ein paar Leute gelesen. Heute kann sich das jeder Shopmitarbeiter für sein Gebiet ansehen. Er kann nachsehen, wie andere den Verkauf von Zubehör verbessern – und Erkenntnisse für sich ableiten. Wir machen alle unternehmensrelevanten Informationen jedem Mitarbeiter zugänglich. Wir schaffen das Herrschaftswissen ab.

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Andererseits: Nicht jeder Mitarbeiter kommt damit klar, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen. Was tun Sie, um die Leute für die neue Welt fit zu machen?
Dirks: Das ist sicherlich einer der Knackpunkte. Ich habe mich kürzlich mit einem Manager aus einer eher traditionellen Branche unterhalten. Der hatte mit Leuten von Amazon, Google und Facebook gesprochen und tat sich sehr schwer damit, das, was die ihm erzählt hatten, in seinem Unternehmen umzusetzen.

Was haben Sie ihm geantwortet? Wie kriegen Sie das hin?
Dirks: Ich habe ihm gesagt: Diese Unternehmen sind alle digital geboren. Wir kommen aus der alten Welt, wo nicht alles schlecht ist. Aber wir müssen unsere Unternehmen erst umbauen. Und gleichzeitig müssen wir uns dem Wettbewerb mit diesen digitalen Unternehmen stellen. Zu dieser Übergangsphase gehören sicherlich Weiterbildungen, aber wir müssen auch ganz gezielt neue Mitarbeiter, die aus den digitalen Unternehmen kommen, einstellen. Als Vorbilder. Gleichzeitig digitalisieren wir manches im Unternehmen.

[…]

Sie sind, gemessen an der Kundenzahl, der größte Mobilfunkanbieter in Deutschland. Aber auch der umsatzschwächste unter den drei. Was läuft da schief?
Dirks: Wir haben die meisten Kunden, die ein Guthaben kaufen und das Handy aufladen. E-Plus hat vor etwa zwölf Jahren auf diese Kundschaft gesetzt – und die zahlt im Schnitt weniger als diejenigen, die einen Vertrag abschließen.

Bereuen Sie es, dass Sie diesen Weg eingeschlagen haben?
Dirks: Überhaupt nicht. Wir konnten ganz spezielle Zielgruppen ansprechen. Wir haben sehr treue Kunden. Das zahlt sich aus: Der durchschnittliche Umsatz, den wir mit einem Prepaid-Kunden im Monat machen, liegt bei etwa sechs Euro. Unsere Wettbewerber liegen bei etwa vier Euro.

[…]

Thorsten Dirks

Thorsten Dirks, Chief Executive Officer (CEO)

Mit dem Netzausbau erfüllen die Mobilfunkanbieter auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Wie geht es denn damit nun weiter, wo ihnen mit den Roaming-Gebühren große Einnahmen weggebrochen sind?
Dirks: Wir müssen darüber reden, wie wir das in Zukunft finanzieren, vor allem in den Gebieten, in denen das für die Betreiber nicht wirtschaftlich ist. Herr Oettinger…

…EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft…
Dirks: …hat vor Kurzem gesagt, um dem Anspruch gerecht zu werden, mit der nächsten Generation des Mobilfunks wieder aufzuholen, seien Investitionen von 500 Milliarden Euro nötig. 80 bis 90 Prozent davon solle die Privatwirtschaft aufbringen. Als ich diese Zahlen gehört habe, habe ich tief
geatmet.

Brauchen Sie sich mehr staatliche Förderung?
Dirks: Ich bin jemand, der die Kraft des Marktes sieht. Aber es müssen auch die Strukturen geschaffen werden, damit wir auch eine weltweit führende Breitbandversorgung aufbauen können. Dafür fehlen momentan eine politische sowie eine wirtschaftlich abbildbare Lösung.

Mit anderen Worten: Sie müssen die Chance haben, Geld zu verdienen…
Dirks: …Geld, das wir wieder in den Ausbau dieser Infrastruktur investieren können. Vergleichen Sie mal die USA mit unseren Märkten und sehen Sie sich an, wie sich die Preise dort entwickelt haben – das ist auch ein Grund dafür, warum wir hier in Europa zurückgefallen sind. Bei der Einführung des digitalen Mobilfunks waren wir noch weltweit führend. Bei 3G haben wir angefangen zu verlieren, bei 4G haben ganz klar Amerika und Asien gewonnen. Wenn wir bei 5G wieder an die Spitze kommen wollen, müssen wir andere Wege gehen als die, die wir in der Vergangenheit beschritten haben.

Wie könnten die aussehen?
Dirks: Die Frage ist doch, ob für ein 5G-Netz in den Städten an jedem Laternenmast eine blaue, eine rote und eine magentafarbene Sendeanlage hängen muss – oder eher nur eine. Doch dafür bräuchten die Anbieter andere Betreibermodelle. Das bedeutet ein Umdenken bei der Regulierung. In diese Richtung denkt meines Wissens auch die EU-Kommission.

Sie werten bereits Daten in Ihren Netzen aus – und verkaufen diese Dienste. Liegt da die Zukunft?
Dirks: Ja. Daraus ergeben sich ganz neue Lösungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Wir verkaufen dabei auch keine Kundendaten. Wir verkaufen die Analyse von Daten – und zwar auch nur von anonymisierten Bewegungs- oder soziologischen Daten, die in unseren Netzen anfallen.

Wie sieht das konkret aus?
Dirks: Wir analysieren etwa in Nürnberg Bewegungsdaten, um Verkehrsströme zu erkennen und zu optimieren. Das hilft der Stadt, Stauprognosen zu erstellen, die Verkehrslenkung zu verbessern, den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid zu senken. Wichtig ist: Es sind aggregierte und anonymisierte Daten. Ich kann daraus in keiner Weise Rückschlüsse auf einzelne Menschen ziehen.

Fühlen Sie sich durch den Datenschutz manchmal behindert?
Dirks: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir eine breite gesellschaftliche Debatte über das Verhältnis von Datenschutz zu Datenschatz brauchen. Bislang wird diese Debatte sehr emotional geführt. Wir müssen sie versachlichen. Und wir müssen den Menschen auch die enormen Vorteile von Datenanalysen vor Augen führen. Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Wir müssen diesen Rohstoff auch nutzen.

Die Internetkonzerne tun dies längst. Sie werten die Daten aus, um Werbung passgenau zu platzieren – und so enorm viel Geld zu verdienen.
Dirks: Wir haben eine andere Vision: Der Kunde soll seine Daten eben nicht wie bei Google, Amazon oder Facebook in ein gefühltes schwarzes Loch werfen. Wir wollen ihm die Hoheit über seine Daten zurückgeben. Nehmen Sie die Wearables. Sensoren erfassen heute viele Informationen zu Atmung, Kreislauf oder den Schlafphasen. Die lassen sich abgleichen mit Datenbanken, so dass etwa die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls vorhersagen lässt. Wir brauchen eine Diskussion, wie wir damit umgehen wollen. Eine ethische Diskussion.

Diskutieren wir in Deutschland zu lange? Machen uns US-Konzerne, die Fakten schaffen, zu einer digitalen Kolonie?
Dirks: Wir müssen die Diskussion beherzt angehen. Wir können gewiss nicht alles, was technologisch machbar ist, gegen eine breite gesellschaftliche Mehrheit durchsetzen. Jeder muss selbst entscheiden können, was mit seinen Daten passiert. Aber wir müssen auch aufpassen, dass wir den Rohstoff der Zukunft nutzen, um unseren Wohlstand zu sichern. Ähnlich wie damals bei der Erfindung des Autos. Damals haben auch manche gesagt: „Autos töten Menschen. Wir sollten besser bei der Pferdekutsche bleiben.“ Und es gab andere, die sich an die stete Weiterentwicklung des Autos gemacht haben. Genauso müssen wir auch jetzt aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verlieren.

Weitere Informationen

Das komplette Interview ist am 17. Oktober 2016 in der Süddeutschen Zeitung erschienen sowie in Auszügen online auf www.sueddeutsche.de.

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