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Vernetzte Maschinen, datenzentrierte Geschäftsmodelle und selbstlernende Roboter – kaum ein Thema beschäftigt die deutsche Wirtschaft so stark wie die digitale Transformation. Doch bei all der Diskussion über neue Technologien dürften Manager ihr wichtigstes Kapital nicht aus den Augen verlieren: die Mitarbeiter und Führungskräfte. Das betonte Telefónica Deutschland-CEO Thorsten Dirks auf dem Industriegipfel des Handelsblatts in Stuttgart.

„Im Mittelpunkt der Digitalisierung muss der Mensch stehen!“, sagte Dirks vor rund 220 Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Medien. Nicht die Technologie sei entscheidend für den Erfolg der digitalen Transformation, sondern wie Mitarbeiter mit ihr umgehen. Seine Forderung: „Wir brauchen eine grundsätzlich neue Art der Führung.“

Die Ängste der Mitarbeiter ernst nehmen

industriegipfel-2016-msu-102416-054Die fortschreitende Digitalisierung des Arbeitsalltags sei für die Mitarbeiter oft ein zweischneidiges Schwert. „Einerseits eröffnet sie dem Einzelnen mehr Entscheidungsfreiheit und kreative Gestaltungsmöglichkeiten“, sagte Dirks. Doch gleichzeitig werde die Arbeitswelt durch die Digitalisierung auch „fordernder und unberechenbarer“. Das Tempo in den Unternehmen und der Entscheidungsdruck steigen. Gelernte Prozesse verändern sich oder werden abgeschafft.

Unternehmen müssten diese Herausforderungen und die Ängste der Mitarbeiter ernst nehmen. „Die üblichen Heilsversprechen der digitalen Hohepriester helfen nicht weiter. Technologie allein löst die Probleme der Mitarbeiter nicht“, betonte Dirks. Auch eine simple Übertragung der Startup-Kultur auf Großunternehmen, wie sie oft propagiert wird, funktioniere in der Praxis nicht: „Ein Unternehmen mit 7.000 oder 70.000 Menschen lässt sich nicht so führen wie eines mit 70.“

Eine neue Art der Führung – Abschied vom Herrschaftswissen

Stattdessen plädierte der CEO von Telefónica Deutschland für eine neue Art der Mitarbeiterführung in der digitalen Welt: „Die herkömmliche, lineare Führung über Kaskaden funktioniert nicht mehr“, so Dirks. Manager müssten stattdessen den Mitarbeitern mehr Freiraum geben, um kreative Lösungen zu finden. Das bedeute auch, dass das Unternehmen Informationen frei zugänglich macht. Dirks: „In der digitalen Organisation gibt es kein Herrschaftswissen mehr: Alle können alles wissen und direkt handeln!“

Wie das in der Praxis funktioniert, erklärte er am Beispiel seines Unternehmens. Als einer der ersten Telekommunikationsanbieter weltweit hat Telefónica Deutschland ein sogenanntes Digital Collaboration Center eingeführt: In einem eigenen Stockwerk des Münchener O2 Tower können Teams jederzeit die Daten aus dem gesamten deutschen Mobilfunkmarkt einsehen und analysieren – und das in Echtzeit. Die Mitarbeiter erkennen so neue Kundenbedürfnisse in dem Moment, in dem sie entstehen und können sofort darauf reagieren. Auch alle anderen Mitarbeiter können von ihren Arbeitsplätzen auf alle wichtigen Daten zugreifen. „Wenn jemand wissen will, wie viele Vertragsabschlüsse wir gestern in der Region Stuttgart hatten, kann er sich die Daten einfach holen “, erklärte Dirks.

Mehr Entscheidungsfreiheit, aber auch klare Zielvorgaben

industriegipfel-2016-msu-102416-033Für Unternehmen ist diese Art der Transparenz ein großer Schritt. Viele Führungskräfte sind es gewohnt, über Herrschaftswissen zu verfügen und daraus Macht abzuleiten. Auch zeigen die Informationen viel deutlicher, in welchen Bereichen es gerade gut läuft – oder eben auch nicht. „Als Unternehmen müssen wir lernen, das auszuhalten. Und die Mitarbeiter müssen lernen, mit Kritik umzugehen“, so Dirks.

Dies erfordere eine neue Art der Unternehmenskultur. In der idealen digitalen Organisation gebe es keine langwierigen Abstimmungsmeetings mehr, „um alle abzuholen“, erklärte Dirks. Stattdessen werden die Mitarbeiter befähigt, selbstständig Entscheidungen zu treffen. „Für mich ist dies eine wesentliche Voraussetzung, um die digitale Transformation erfolgreich zu bewältigen“, so Dirks. Allerdings: Mehr Freiheiten für den Einzelnen erfordere auch „sehr klare Zielvorgaben.“ Denn ohne konkrete Ziele werde das Handeln in Echtzeit „richtungslos und konfus“.

Industrie 4.0 wird zur Chefsache

Thorsten Dirks schloss seinen Vortrag mit einem Plädoyer für mehr persönliche Führung und Engagement durch Manager. „Auch in der digitalen Ökonomie ist Technologie kein Allheilmittel“, betonte er. Stattdessen müssten sich Manager auf die klassischen Tugenden der Menschenführung besinnen: „Zuhören und verstehen, motivieren und befähigen, moderieren und sanktionieren, zusammenbringen und verpflichten“. Denn, so Dirks: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern muss dem Menschen dienen.“

Chefsache Industrie 4.0“ lautete der Titel des diesjährigen Industriegipfels, der bereits zum zweiten Mal vom Handelsblatt ausgerichtet wurde. An der zweitägigen Veranstaltung nahmen zahlreiche Spitzenvertreter aus Industrie und Wirtschaft teil. Zu den Rednern gehörte neben EU-Kommissar Günther Oettinger auch der frühere Minister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Weitere Informationen:

Handelsblatt Industriegipfel im Netz: Chefsache Industrie 4.0
handelsblatt.de: Wir können auch Wandel
Interview mit Carl Frey im Blog des Telefónica BASECAMP: Mensch, Maschine!
Telefónica als Arbeitgeber: Karriere

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