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Die Welt vom 9. Mai 2017

In einem Interview mit der Zeitung „Die WELT“ äußert sich Telefónica Deutschland CEO Markus Haas zu den Chancen des Datenbooms und der Rolle der Politik.

Die WELT: Herr Haas, Ihre Aufgabe ist es, den blauen Mobilfunker Telefónica und seine Marke O2 mit der grünen E-Plus zusammenzuführen. Wie kommen Sie voran?
Markus Haas: Es gab in dieser Branche bislang keine Fusion, die so schnell ging wie unsere. Wir liegen also voll im Plan und müssen quasi nur noch etwas aufräumen. Insbesondere die Netzintegration ist aufwändig, weil wir jede der 25.000 Antennenstandorte technisch modernisieren müssen und rund 14.000 überzählige Stationen aus dem Netz nehmen. Aber bis Ende des Jahres sind wir auch damit weitgehend fertig.

Die WELT: Welche Farbe gefällt Ihnen besser: Blau oder Grün? Zumindest bei Ihrem Anzug haben Sie sich für Blau entschieden.
Haas: Das liegt daran, dass es so wenige grüne Anzüge gibt, in denen ein CEO herumlaufen könnte. Aber im Ernst: Wir haben unsere Farben bereits im Oktober 2014 abgelegt. Jetzt haben wir uns auf zwei Marken festgelegt: O2 und Blau. Dabei ist Blau eigentlich eine grüne Marke, weil sie als Mobilfunk-Discounter noch von E-Plus in den Markt eingeführt wurde. Mir gefallen aber sowohl Blau als auch Grün gut.
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Die WELT: Es ist fast egal, wen man fragt, jeder kann von haarsträubende Erfahrungen mit dem Service von Telekom-Anbietern berichten. Warum tut sich diese Industrie so schwer im Umgang mit ihren Nutzern?
Haas:Ich glaube schon, dass wir wissen, was guter Kundenservice ist. Ich will hier nicht über unsere Wettbewerber sprechen. Aber wir haben natürlich immer noch viel Komplexität in unseren Produkten. Hier kommen – im Gegensatz zu anderen Branchen – Netz, Endgerät, Tarif und regelmäßige Rechnungsstellung zusammen. Bei Ihrer Versicherung oder Ihrem Stromanbieter haben Sie diese Komplexität nicht. Die Dienste sind nicht immer so einfach, wie ich mir das als Kunde wünschen würde. Da hat unsere Branche noch Nachholbedarf. Wir arbeiten an solchen einfachen Lösungen.
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Die WELT: Ärgert es Sie, dass man immer die Deutsche Telekom und Vodafone nennt, wenn es um die schnellsten Netze geht?
Haas: Wir sehen das sportlich. Wir haben das größte und leistungsfähigste Netz in Deutschland. Und es läuft stabil. Wir bedienen die Hälfte der Konsumenten in diesem Land, damit haben wir erst einmal eine Vollversorger-Aufgabe, bei der es darum geht, ein sehr gutes Kundenerlebnis zu bieten. Wir haben mit den meisten Antennen und den meisten Frequenzen alle Zutaten, auf dieser Grundlage das schönste Netz zu bauen.

Die WELT: Was ist denn das schönste Netz?
Haas: Wenn wir bis Ende des Jahres unser Netz weitgehend konsolidiert haben, könnten wir mit unserer Ausstattung alle Bandbreiten einschalten, die auch unsere Wettbewerber anbieten. Wir kommen hier Schritt für Schritt voran. Zuletzt haben wir sogar einen Rekord geschafft und mit 1,65 Gigabit pro Sekunde den schnellsten Test einer 5G-Vorstufentechnologie in einem Live-Netz in Deutschland durchgeführt.
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Die WELT: Offenbar schaffen es die Telekommunikationsunternehmen nicht, über die reine Durchleitung von Daten und Gespräche hinauszukommen. Die Gewinne fallen häufig bei Anbietern wie Google oder Facebook an, die diese Netze nutzen.
Haas: Wir führen diese Diskussion schon lange. Aber am Ende entscheidet der Kunde, was er nutzen will. Wir haben eine Strategie, wie wir mit Daten Geld verdienen. Ohne Vernetzung gibt es kein digitales Leben. Die gute Nachricht ist, dass die Datennutzung stark zunimmt. Im vergangenen Jahr um mehr als 60 Prozent. Wir brauchen Google und Facebook, so wie sie uns brauchen. In Sachen Netzneutralität haben wir in Europa klare Regeln, mit denen wir umgehen müssen. Wie sich das dann dauerhaft entwickelt, wenn wir in neue Investitionszyklen gehen, muss man sehen.

Die WELT: Die Datennutzung in anderen Ländern ist deutlich höher als in Deutschland. Warum ist das so?
Haas: Die Marktdurchdringung mit Smartphones war bei uns langsamer, was sicherlich auch mit an damaligen Datentarifen lag. Allerdings kamen auch die attraktiven Inhalte bei uns später, damit meine ich vor allem Mediatheken mit Videoinhalten und attraktive Streamingdienste. Aber wir holen auf. Die Dienste sind nun alle verfügbar. Als Nächstes müssen wir uns auf das Internet der Dinge vorbereiten.

Markus Haas

Markus Haas

Die WELT: Was heißt das?
Haas: So wie wir jetzt eine Datenexplosion sehen, werden wir in Zukunft bei der Zahl der Endgeräte eine Explosion sehen, damit meine ich beispielsweise vernetzte Uhren, Autos oder Brillen. Wenn die eSim kommt, müssen Sie nicht mehr in jedes Gerät eine Sim-Karte einlegen, weil sie schon fest verbaut ist. Wir müssen dann dafür sorgen, dass sich die Dienste einfach und schnell aktivieren und verwalten lassen. Wer hier die beste Lösung bietet, wird das Rennen gewinnen. Wir wollen zum digitalen Knotenpunkt für das Leben unserer Kunden werden.

Die WELT: Wie würde Ihr Wunschzettel an die Politik für eine neue Digitale Agenda nach der Bundestagswahl im September aussehen?
Haas: Wir brauchen faire Bedingungen. Wir befinden uns immer noch auf einem Fußballfeld, das gekippt ist. Wir Europäer müssen den Ball bergauf spielen, unsere Wettbewerber können einfach den Ball bergab laufen lassen und ins Tor schieben.

Die WELT: Worauf beziehen Sie sich?
Haas: Wir haben nun zwar einen europäischen Datenschutz-Rahmen. Aber unsere globalen Wettbewerber dürfen eben viel mehr und setzen Themen daher auch viel schneller um. Das ist eine Verzerrung. Wir haben so viele Produktideen, mussten beispielsweise aber erst einmal in Abstimmung mit Datenschützern vier Jahre an einer Plattform arbeiten, die Kundendaten anonymisiert, damit sie überhaupt genutzt werden können. Wir sollten pragmatischer vorgehen und Dinge auch einfach mal ausprobieren dürfen. Etwas mehr Beta-Mentalität würde uns gut zu Gesicht stehen. Bei uns in Deutschland ist alles entweder Schwarz oder Weiß. Dazwischen gibt es nichts. Außerdem sollten wir die Möglichkeit haben, die vorhandenen Investitionsmittel voll auszuschöpfen.

Die WELT: Wer hindert Sie daran?
Haas: Die deutsche Telekommunikationsindustrie hat im Grund schon ein Glasfasernetz komplett finanziert. Wir haben in den vergangenen 17 Jahren 60 Milliarden Euro bezahlt, zum Beispiel über Frequenzauktionen und Mittelabflüsse aus der Roaming-Regulierung. Das Geld fehlt uns jetzt, weil wir es nur einmal ausgeben können. Das wäre ungefähr der Betrag, den wir investieren müssten, um Deutschland im Glasfaserbereich voranzubringen. Andere Länder machen das anders und haben beim Breitbandausbau auch die Nase vorn. Man sollte Lehren aus der Vergangenheit ziehen, um zu schauen, wie man Investitionsanreize in Infrastruktur schaffen kann.

Die WELT: Sie spielen auf die nächste Frequenzauktion an.
Haas: Die Bundesnetzagentur muss Frequenzen nicht versteigern. Ich weiß, dass es hier Interessen des Finanzministers gibt. Aber de facto hat uns dieses Vorgehen als Branche in der Vergangenheit zurückgeworfen.

Weitere Informationen

Das komplette Interview ist zuerst erschienen auf welt.de und in der WELT-Ausgabe vom 9. Mai 2017.

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