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Die Börsenzeitung vom 17. Mai 2017

In einem Interview mit der Börsenzeitung beleuchtet Telefónica Deutschland CEO Markus Haas Herausforderungen der Branche und zeigt auf, wo und wie das Unternehmen künftig wachsen will.

Die Börsenzeitung: Herr Haas, durch den Schulterschluss von United Internet mit Drillisch werden die Karten auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt nochmals neu gemischt. Welche Folgen erwarten Sie für Telefónica Deutschland?
Haas: Wir haben eine klare Vision und eine stabile Strategie, um diese Schritt für Schritt umzusetzen. Daran ändert auch die aktuelle Ankündigung nichts. Wir bedienen mit unserem Netz, unseren Marken und Partnerschaften alle Marktsegmente und sind führend nach Kundenzahlen. Wir sehen uns gut in allen Feldern aufgestellt. Wir haben mit beiden genannten Unternehmen bestehende Wholesale-Verträge und arbeiten vertrauensvoll zusammen.

Die Börsenzeitung: Die Übernahme von E-Plus liefert Synergien aber bisher keine Wachstumsimpluse. Im ersten Quartal waren die Erlöse rückläufig und dabei bleibt es auch fürs Gesamtjahr, oder?
Haas: Wir sind sehr zuversichtlich für unsere Jahresziele und berücksichtigen dabei auch die regulatorischen Effekte, die wir sehr transparent gemacht haben. Bereinigt um die erhebliche Absenkung der Terminierungsentgelte und die Abschaffung der Roaming-Gebühren erwarten wir im Mobilfunkserviceumsatz 2017 eine leicht sinkende bis stabile Entwicklung.

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Die Börsenzeitung: Umsatzwachstum ist ja im deutschen Mobilfunk und so auch bei Telefónica Deutschland seit Längerem Fehlanzeige. Branchenexperten, zum Beispiel von S&P, erwarten nach 2017 ein eher schwieriges Umfeld. Wie beurteilen Sie Ihre Wachstumschancen?
Haas: Ich bin da optimistisch. Denn als Marktführer können wir besonders stark von der Datenmonetarisierung profitieren. Hier haben wir in Deutschland sozusagen das Schönste noch vor uns. Bei den Tarifen mit breitbandiger LTE-Technik konnten wir im vergangenen Jahr und auch im ersten Quartal ein Wachstum von 60 % zeigen. Bis 2020 werden wir nochmals eine Vervielfachung der mobilen Datennutzung sehen. Darüber hinaus wird jeder Kunde dann durchschnittlich drei bis vier Endgeräte im Mobilfunk nutzen. Das bedeutet auch hier eine Vervielfachung. Beides befördert unseren Umsatz. Wir sehen ja weiter eine Erlösumschichtung, indem klassische Einnahmen aus Sprache und SMS durch Datenumsatz ersetzt werden. Wenn uns das gelingt, ist das schon positiv. Darüber hinaus dürften sich die Regulierung und deren Effekte absehbar zu ihrem Ende neigen – mehr geht nicht mehr. Insofern bin ich für die perspektivische Entwicklung positiv gestimmt.

Die Börsenzeitung: Sie gehen also davon aus, dass nach einer Stabilisierung im laufenden Jahr 2018 die Umsatzwende kommt?
Haas: Ich will ein wachsendes Unternehmen führen.

Die Börsenzeitung: Gilt das auch für den Ertrag, wenn die Synergieziele der Fusion voll erreicht sind?
Haas: Wir werden die 900 Mill. Euro an jährlichen Synergien im Operating Cash-flow bis Ende 2018 erreichen, aber wir gehen davon aus, dass unsere Ertragskraft auch danach aus der Transformation des Unternehmens heraus noch weiter gestärkt werden kann. Dabei geht es darum, dem Kunden die beste digitale Plattform zur Interaktion und zur Administration seiner Endgeräte zu bieten. Derjenige, der hier das beste Angebot im Markt hat, wird das Rennen gewinnen. In diesem Zusammenhang wird die Einführung der E-Sim (elektronische Sim-Karte anstelle der heute üblichen Plastik-Sim-Karte, Anm. d. Red.) für die Mobilfunkunternehmen bahnbrechend sein, weil sie die Hürden zur Nutzung mehrerer Mobilfunkendgeräte senkt.

Die Börsenzeitung: Wann rechnen Sie mit der Einführung der E-Sim?
Haas: Wir gehen davon aus, dass wichtige Endgeräte im nächsten Jahr die E-Sim unterstützen. Es wird eine Hybridphase geben, 120 Millionen Sim-Karten im Markt werden nicht auf einen Schlag ersetzt werden können. Aber die Vorteile der Administration mobiler Endgeräte in einer App werden sich durchsetzen. Wir wollen zur OnLife Telco werden und damit zum digitalen Knotenpunkt im Leben unserer Kunden, an dem diese eine Vielzahl von Endgeräten anbinden können.

Die Börsenzeitung: Und das wird die Umsätze beflügeln und auch den Gewinn?
Haas:Absolut. Wir sehen hier durch die Vereinfachung der Anbindung zusätzliche Umsätze durch eine höhere Datennutzung und gleichzeitig zusätzliche Effizienzen.

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Markus Haas

Telefónica Deutschland CEO Markus Haas

rfolg ist, auch aus Verbrauchersicht. Die Befürchtungen, dass die Preise im Mobilfunk steigen, haben sich nicht bewahrheitet. Der Zusammenschluss war also nicht wettbewerbsfeindlich.

Die Börsenzeitung: Das ist die Verbrauchersicht. Aber aus Unternehmensicht erhoffte man doch weniger Wettbewerbsdruck, eine Stabilisierung der Preise, mehr Ertragskraft und eine steigende Investitionsfähigkeit – das war die Argumentationskette, was ist daraus geworden?
Haas: Telefónica Deutschland ist gestärkt aus dem Zusammenschluss hervorgegangen. Die Synergien kommen wie geplant. Wir sind in der Lage, ein sehr starkes Netz zu bauen. Und wer weiß, wie sich die Lage am Markt ohne die Konsolidierung dargestellt hätte. Wir sind voll im Plan und setzen diesen unbeirrt Schritt für Schritt um.

Die Börsenzeitung: Allerdings haben Sie einerseits nun eine verschärfte Wettbewerbssituation im Discout-Segment und müssen im Premium-Segment gegen die Platzhirsche Telekom und Vodafone antreten. Wie wollen Sie Boden gewinnen?
Haas: Durch Differenzierung. Im Premium-Segment haben wir die Marke O2 als größte Konsumentenmarke durch das Produkt O2 Free gestärkt. Hier zeigt sich seit dem Start im Herbst vergangenen Jahres, dass dies von den Kunden sehr gut angenommen wird. Wir haben damit ein Alleinstellungsmerkmal im Markt und fügen regelmäßig neue Vorteile hinzu, wie zuletzt die Kooperation mit Sky für attraktiven Streaming-Content.

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Die Börsenzeitung: Alle Mobilfunkanbieter sind bemüht, jenseits des traditionellen Kerngeschäfts neue Wege zu gehen. Sie haben u.a. eine Kooperation mit der Fidor Bank für Mobile Banking. Wie geht es dort voran?
Haas: O2 Banking wird sehr gut angenommen. Wir gewinnen viele aktive Kunden, die vor allem den Zins in Gestalt mobiler Datenvolumina sehr schätzen.

Die Börsenzeitung: Aber was bringt es Ihnen ein?
Haas: Unsere Vision ist es, der Begleiter unserer Kunden in der digitalen Welt zu sein. Wir bieten unterschiedliche Dienste an, die wir in der Regel nicht selbst, sondern über Partner realisieren. Musik, Live-Fußball-Streaming, Gaming und eben auch Banking sind alles Bausteine eines Ökosystems, die sich in einer höheren Kundenloyalität niederschlagen. Sie bilden sozusagen zusätzlichen Klebstoff in der Kundenbeziehung. Und dieser ist wichtig für uns. Gerade im Banking können wir den Kunden zunehmend Mehrwert bieten, weil das Konto kostenlos ist, eine kostenlose Debit-Karte enthält. Das ist in Zeiten, in denen immer Banken an der Gebührenschraube drehen, ein Wettbewerbsvorteil.

Die Börsenzeitung: Ihr Vorgänger Thorsten Dirks hat neue kommerzielle Wege der Datennutzung für die gesamte Branche als wichtigen Schritt gefordert. Welche Fortschritte macht Telefónica Next?
Haas: Telefónica Next wird in den kommenden Jahren maßgeblich zu unserem Wachstum beitragen, und zwar mit Umsätzen aus IoT-Anwendungen und Service-Erlösen aus Advanced Data Analytics. Das sind die beiden Geschäftsfelder. Im IoT-Umfeld haben wir gerade eine Plattform an den Start gebracht, auf der der – gewerbliche – Kunde sein Internet der Dinge verwalten kann. Und bei Advanced Data haben wir die ersten Produkte auf dem Markt. Ein wichtiger Schritt dafür war die Patentierung des Anonymisierungsverfahrens, das wir in enger Abstimmung mit den Datenschutzbehörden entwickelt haben und das schließlich sogar vom TÜV zertifiziert wurde. Geschäftskunden können jetzt Analysen auf Basis anonymisierter Daten für ihre Zwecke aggregiert bekommen. Hier haben wir erste Kunden und sind mit großen Konzernen und auch öffentlichen Institutionen im Gespräch.

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Weitere Informationen

Das vollständige Interview erschien am 17. Mai 2017 in der Printausgabe der Börsenzeitung (Nummer 94, Seite 9).
Die Online-Variante des Interviews ist kostenpflichtig und unter www.boersen-zeitung.de abrufbar.

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