SZ-Interview mit Markus Haas in der Ausgabe vom 12.11.2018

SZ-Interview mit Markus Haas in der Ausgabe vom 12.11.2018

CEO Markus Haas im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung über die nächste Mobilfunkgeneration 5G, weiße Flecken in der Mobilfunkversorgung und die fehlende europäische Digitalisierungspolitik.

Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge des Interviews. Der vollständige Text ist am 12. November 2018 in der Süddeutschen Zeitung erschienen.
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Bundesinnenminister Horst Seehofer hat gerade gefordert, dass es bald in jedem Dorf die neue Mobilfunkgeneration 5G geben muss.

Markus Haas: In den kommenden zehn Jahren werden wir sicher eine sehr weitgehende 5G-Flächenabdeckung hinbekommen, aber nicht kurzfristig. Wir brauchen eine ehrliche öffentliche Diskussion und sollten uns nicht immer mit unrealistischen Vorschlägen überbieten, die technisch gar nicht machbar sind.

Brauchen wir denn in zehn Jahren wirklich ein flächendeckendes 5G-Netz?

Markus Haas: Eine vollständige Abdeckung der Bevölkerung mit schnellem Internet brauchen wir, ja, eine 100-prozentige Flächenabdeckung ist aber unmöglich. Es wird nicht auf jeder kleinen Straßen, in jedem Waldstück und in jeder Anwohnersackgasse 5G geben. Dafür müssten wir mehrere hunderttausend Antennen bauen, das ist weder wertstiftend noch finanzierbar.

Was ist dann zum Beispiel mit dem autonomen Fahren oder Industrie 4.0, kann das dann funktionieren?

Markus Haas: Ja. Wir brauchen dafür einen Technologiemix, auch mithilfe von Sensoren, Satelliten und anderen Technologien. Außerdem werden wir zunächst vor allem sogenannte Campus-Lösungen haben, also 5G-Netze für lokale Anwendungsgebiete, etwa für den Flughafen München oder für Industriebetriebe, zunächst also kleine geschützte Bereiche, die gut zu managen sind und wo wir lernen können. Danach kommt der flächendeckende Ausbau, voraussichtlich erst im kommenden Jahrzehnt. Mehr gibt die Verfügbarkeit von Technik und nutzbarem Spektrum schlichtweg nicht her. Das lässt sich nicht herbeiwünschen.

Die Kritik ist groß, denn schon heute gibt es noch viele weiße Flächen im Mobilfunk.

Markus Haas: Wir hätten doch alle gerne überall volle Netzabdeckung. Wir dürfen jedoch nicht die Entwicklung der vergangenen 20 Jahren ausblenden. Die Betreiber mussten 60 Milliarden Euro alleine für die Lizenzen zahlen, die Akzeptanz für einen Ausbau in der Bevölkerung war lange nicht da, wir sollten auf Wunsch der Politik und der Bevölkerung gar nicht so viele Antennen bauen. In den vergangenen fünf Jahren hat sich das geändert: Der Mobilfunk ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das ist gut.

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Bei 4G ist Deutschland international ja nicht gerade führend. Haben wir überhaupt noch eine Chance?

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Markus Haas

Markus Haas: Da ist Deutschland ein wenig Sinnbild der EU: Nur mit Torhütern gewinne ich kein Spiel, es braucht auch Stürmer. Im Moment sind aber alle Institutionen im Verteidigungsmodus: Wir verteidigen unsere Wertesysteme und unsere Wirtschaftsordnung in der politischen Diskussion gegen den Populismus, unsere Währung in der Eurokrise, die EU angesichts des Brexit. Alle politischen Entscheidungsträger beschäftigen sich derzeit vor allem mit Verteidigung, Zukunftshemen werden kaum diskutiert. Das ist erschreckend und sehr schade – und ein Raubbau an unserer eigenen Zukunft. China oder die USA zum Beispiel schauen sich das von außen an, und freuen sich, dass wir so mit uns beschäftigt sind.

Also sind wir abgeschlagen?

Markus Haas: Nein, wir haben Zugriff auf alle Netz-Technologien, wir haben auch starke europäische Anbieter dafür. Wir dürfen die Hürden jedoch nicht zu hoch legen, damit wir als Industriestandort nicht ins Hintertreffen geraten. Ich plädiere dafür, alle Möglichkeiten zu nutzen. Die Frequenzen werden im kommenden Jahr leider wieder versteigert und nicht einfach verteilt, aber die Zahlungsbedingungen, die Einstiegsgebote, die Auflagen, die Regulierung insgesamt können so gestaltet werden, dass Deutschland eine Chance hat. Wenn wir hier die Anreize richtig setzen, werden wir vorne dabei sein.

Die Regeln sollen ja noch im November festgelegt werden.

Markus Haas: Ich glaube fest daran, dass alle Beteiligten einen Weg finden können. Ich bin seit zwanzig Jahren im Geschäft, und die öffentliche Diskussion war noch nie so intensiv. Bürger und Nutzer machen den Politikern erheblichen Druck in Sachen Netzausbau, die Dynamik ist heute eine andere. Damals hieß das Motto: “Hans im Glück”, weil der Finanzminister Hans Eichel bei der Frequenzauktion 50 Milliarden eingenommen hatte. Die Zeche aber zahlen wir heute noch, weil wir unter dieser Finanzierungslast die Infrastruktur nicht da haben, wo sie sein könnte. Der Fehler sollte nicht nochmal gemacht werden.

Was muss anders werden?

Markus Haas: Nur ein Beispiel von vielen bereits oft genannten: Die geplanten Minimumgebote in der Auktion sind viel höher als in bisherigen Auktionen, müssten aber deutlich niedriger angesetzt werden. Der Staat hat doch derzeit kein Einnahmeproblem. Wenn in drei Jahren gewählt wird, werden die Bürger sich fragen, ob die Netze besser ausgebaut wurden, nicht, wie viel bei der Frequenzauktion in den Staatshaushalt floss.

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Es wird auch häufig darüber geklagt, dass Mobilfunk in Deutschland zu teuer sei.

Markus Haas: Die Preise sinken auch in Deutschland kontinuierlich: Wir haben hier vielleicht nicht den billigsten Preise pro Gigabyte. Aber gleichzeitig ist die Zahlungsbereitschaft in Deutschland so niedrig wie nirgends. Jeder schaut hunderte Mal am Tag auf sein Smartphone, der durchschnittliche Umsatz eines Vertragskunden liegt aber nur bei 15 Euro im Monat – 50 Cent pro Tag für Mobilfunk. Und damit müssen wir unter anderem notwendige Netzinvestitionen und Lizenzkosten finanzieren.

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Weitere Informationen:

Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge des Interviews. Der vollständige Text ist am 12. November 2018 in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

Unsere Kollegen von UdL Digital erklären in vier kurzen Videos, worum es bei der Frequenzversteigerung 2019 geht:

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