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Pascal Kaufmann

Vom Hirnforscher zum Start-up Gründer: Pascal Kaufmann und sein Mitgründer Marc Vontobel haben mit der Firma Starmind eine Technologie basierend auf Künstlicher Intelligenz entwickelt, die das Wissen von tausenden von Menschen vernetzt. Auch Telefónica Deutschland setzt darauf und verbindet mit dem „DigitalBrain“1) das Know-how seiner 8800 Mitarbeiter. Bei seinem Besuch in München erzählte Pascal Kaufmann, was ihn an KI fasziniert, wie er dazu beitragen will den heiligen Gral der Wissenschaft, den Brain-Code, zu knacken.

Du bist von Haus aus Neurowissenschaftler. Wie kamst Du zur Künstlichen Intelligenz?

Pascal Kaufmann: Bevor ich Starmind gründete, habe ich an der Northwestern University in den USA Gehirne in Gefäßen mit künstlichem Blut am Leben erhalten und über Elektroden mit Roboter verbunden. Wir wollten herausfinden, wie Gehirne auf die Signale reagieren. An dieser Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine habe ich mich damals gefragt: Wäre es nicht super, mit 1000 Hirnen gleichzeitig zu denken? Und ich muss gestehen: Ich war schon immer ein Fan von KI. Ich habe bereits als kleiner Junge aus Lego Roboter gebaut und war immer etwas enttäuscht, dass sie aussahen wie Menschen, mit Beinchen und Ärmchen. Irgendwie fehlte da etwas, nämlich Intelligenz. Mich hat das damals schon fasziniert: Wie baut man eigentlich Intelligenz?

Und dann hast Du das Start-up Starmind gegründet, die Technologie hinter dem DigitalBrain von Telefónica Deutschland?

Pascal Kaufmann: Marc, mein Mitgründer, und ich arbeiteten zusammen am Labor für KI in Zürich. Dort versuchten wir möglichst viele Wissenschaftler weltweit miteinander zu vernetzen, um gemeinsam Forschungsfragen zu beantworten, die wir alleine nicht lösen konnten. Wir hatten keinen Business Plan doch eine große Vision. Es war dann eher Zufall, dass ein Großkonzern aus der Schweiz auf uns aufmerksam wurde. Der Chef dort meinte: Pascal, wenn Du Wissenschaftler aus der ganzen Welt vernetzen kannst, dann kannst Du doch auch meine 20.000 Mitarbeiter aus der IT vernetzen, oder? Und so setzten wir zum ersten Mal für dieses Unternehmen ein digitales Netzwerk ein, eine Art „Corporate Brain“. Das war die Geburtsstunde von Starmind.

Wie funktioniert das DigitalBrain?

Infografik-DigitalBrain-1920x1080Pascal Kaufmann: Mitarbeiter können anonym Fragen stellen und das DigitalBrain findet unabhängig von Hierarchie, Bereich oder Jobtitel den richtigen Ansprechpartner in Echtzeit. Die Antworten werden gespeichert und das Wissen und die Kontakte so für jeden Mitarbeiter nutzbar. Damit vernetzen wir Gehirne zu einer Art Superhirn. Dieses ist aus menschlichen Gehirnen zusammengesetzt, die Technologie dahinter ist selbstlernend und besteht aus patentierten und neuartigen Algorithmen. Das Hirn weiß durch die Nutzung relativ schnell, wer in welchem Themengebiet Experte ist, ohne dass diese Person das angeben muss. Damit vereinen wir die Stärken von Menschen mit der von Maschinen.

Wie weit ist die KI-Entwicklung schon vorangeschritten?

Pascal Kaufmann:Solange 300 Millionen Katzenbilder notwendig sind, damit das System versteht: Das ist eine Katze, dies eine Kuh und dort ein Pferd, dann sind wir noch ziemlich am Anfang. Ein kleines Kind knuddelt nur einmal mit einer Katze und weiß, was eine Katze ist. Bisher brauchen wir für KI große Datenmengen, Big Data. Aber unser Gehirn kommt mit wesentlich weniger Daten aus und ist alles andere als eine Big Data Maschine. Deshalb ist es für die weitere Entwicklung von KI so wichtig, dass wir sämtliche KI- und Hirnforscher miteinander vernetzen, damit sie gemeinsam den heiligen Gral der Wissenschaft knacken: Den „Brain Code“. Erst dann, das ist meine Überzeugung, werden wir eine neue Stufe der KI erreichen. Dafür haben wir die Stiftung Mindfire gegründet: Wir wollen das größte KI-Netzwerk der Welt dafür bauen.



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Viele Menschen haben Science Fiction Filme vor Augen, in denen Roboter uns überrennen, wenn sie an KI denken. Was hältst Du von solchen Bildern?

Pascal Kaufmann: KI, wie jede mächtige Technologie, kann zum Guten wie zum Schlechten eingesetzt werden. Es hilft aber nichts, wenn wir uns in Europa Horrorszenarien ausmalen und damit die KI Forschung blockieren. Denn KI wird weiterentwickelt werden, die Frage ist nur, von wem. Andere Kulturen haben teils gar keine ethischen Leitplanken. Genau deshalb sollte Europa eine Führungsrolle einnehmen, auch wenn wir aktuell noch nicht genau wissen, wohin KI führen wird. Aber wenn wir uns abhängen lassen, haben wir gar nichts mehr zu sagen. Ich finde Deutschland und die Schweiz sind sehr gut aufgestellt, hier aktiv nach vorne zu gehen. Meist haben die Menschen Angst vor Dingen, die sie nicht so richtig verstehen. Sie sollten nicht alles glauben, was sie im Internet lesen. Viele Beiträge sind sehr polarisierend, übertrieben und wenig sachlich. Ich fände es wichtig, dass sich mehr Menschen mit KI beschäftigen. Es gibt viele Angebote online, kostenlose Academies oder Veranstaltungen an Unis, um zu erfahren: Was ist KI? Wie funktioniert eigentlich so ein Hirn? Ich glaube dadurch kann man die Angst viel mehr reduzieren und konstruktiv diskutieren.

Folgt ihr bestimmten ethische Prinzipien bei der Entwicklung von KI?

Pascal Kaufmann: Wir haben klare Firmenwerte, also wichtige kulturelle Werte. Bevor jemand bei uns anfängt, unterläuft er oder sie einem sogenannten Cultural-Check. Denn die Person muss zu uns und unseren Werten passen. Bei uns ist z.B. Transparenz sehr wichtig. Wir machen nichts im Geheimen. Zudem sind wir sehr international aufgestellt und eine hohe Diversität ist auch Teil unserer Kultur. Und wir machen keine Deals mit Rüstungsfirmen oder ähnlichen Kalibern. Wir haben schon einige Firmen abgelehnt, die nicht zu uns passen.

In welche Richtung möchtest Du Starmind weiterentwickeln? Was ist Deine Vision?

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Pascal Kaufmann spricht vor Mitarbeitern von Telefónica
über Hirnforschung und KI, Foto: Stephanie Kunz

Pascal Kaufmann: Starmind müsste Teil jeder Firma mit mehr als 500 Mitarbeitern sein. Ab der Größe funktioniert unsere Technologie ziemlich gut. Außerdem glaube ich wirklich, dass wir mit der Starmind Technologie die Wissenschaft revolutionieren können. Es kann ja nicht sein, dass jeder Bücher lesen und quasi als Wissenschaftler immer bei null anfangen muss und dann doch jeder nur das Gleiche weiß. Mit Starmind sollten wir uns nur noch auf Fragen konzentrieren und die Antwort gibt das System automatisiert. Ich persönlich hätte am liebsten eine kleine Linse auf meinem Auge oder ein kleines Gerät in meinem Ohr, das mir in Echtzeit relevante Informationen schickt.

Wenn KI uns doch vieles abnimmt: Welche Rolle spielt der Mensch in Zukunft noch?

Pascal Kaufmann: Der Faktor Mensch wird in einer digitalisierten und total technisierten Welt immer wichtiger. Wenn Unternehmen v.a. auf den menschlichen Faktor setzen, dann können sie sich von anderen unterscheiden. Empathie, Intuition, Gefühl, Sympathie, Kreativität, die richtigen Fragen stellen: All das können Maschinen noch nicht. Das sollten wir als menschliche Eigenschaften kultivieren. Die Maschinen können dann die richtigen Antworten geben.

Vielen Dank Pascal für das Gespräch.

1) In jedem Unternehmen, in dem die Starmind-Technologie zum Einsatz kommt, hat sie einen anderen Namen. Im Falle von Telefónica Deutschland ist die Anwendung Teil des Intranets und heißt „DigitalBrain“
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