Das Panel diskutiert über die digitale Zukunft der Gesundheit

Das Gesundheitssystem ist einer der Lebensbereiche, der sich durch die Digitalisierung am fundamentalsten verändert. Bei der fünften Ausgabe der Tagesspiegel Data Debates, mit Telefónica Deutschland als Initiator und Partner der Reihe, stand deshalb die vernetzte Gesundheit im Fokus. Die Gäste, darunter Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, diskutierten die Frage, welche Chancen sich künftig für das Wohlergehen von Patienten eröffnen. Aber auch die Herausforderungen für den Datenschutz waren Gegenstand der Debatte. Moritz Diekmann, Geschäftsführer von Telefónica NEXT, zeigte in seinem Impulsvortrag auf, wie die Digitalisierung heute schon unser Leben verbessert und unsere Gesundheit schützt.

Im Silicon Valley hat Moritz Diekmann vor zwei Wochen ein Start-up kennen gelernt, das einen Algorithmus für Überwachungskameras für Babys entwickelt hat. Die Kamera schlägt bei Unregelmäßigkeiten Alarm und informiert die Eltern, den Babysitter oder auch die Krankenschwester. Der Experte für das Internet der Dinge (IoT) bei Telefónica NEXT hatte erst selbst im März auf der CeBIT Smart Home Lösungen vorgestellt, mit denen Angehörige ältere und hilfsbedürftige Menschen in ihrer Familie besser unterstützen können. Per App bekommt der Sohn beispielsweise eine Nachricht, wenn die ältere Mutter beim Verlassen der Wohnung den Herd angelassen hat.

Patienten mit Vorteilen von Digitalisierung überzeugen

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v. li.: Sebastian Turner, Herausgeber des Tagesspiegels,
Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe,
Enno Park, Vorsitzender, Cyborgs e.V, Francesco de Meo,
Geschäftsführer Helios Kliniken,
Moritz Diekmann, Geschäftsführer von Telefónica NEXT

Das sind nur einige von unzähligen neuen Anwendungen aus dem privaten Bereich, die die Gesundheitsversorgung von Menschen verbessern werden, so Diekmann. „Denken Sie an die Möglichkeiten, die sich in Krankenhäusern oder ganzen Gesundheitssystemen durch die Vernetzung von Daten und Diensten ergeben können“, so Diekmann. Gleichzeitig sei die Verantwortung besonders hoch, eben weil das Wohl von Menschen und sensible Gesundheitsdaten unmittelbar betroffen sind. „Die Menschen müssen nicht nur sicher sein, dass ihre Daten geschützt sind. Sie müssen vielmehr Transparenz darüber erlangen, wem sie über welche Daten Zugriff erteilen.“

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zeigte sich in seiner Rede überzeugt, dass das solidarische Gesundheitssystem den Fortschritt der Digitalisierung braucht. Deshalb verkündete er direkt zu Beginn der Veranstaltung die gute Nachricht, dass am Nachmittag der Testbetrieb der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) erfolgreich beendet wurde. Die Debatte um die vernetzte Gesundheit gewinne man aber nur, wenn der Nutzen für den Bürger klar werde, so Gröhe. Kaum ein Patient hätte wohl etwas dagegen, wenn die Daten unzähliger Krebspatienten zur Mustererkennung analysiert werden – um dann dem Einzelnen eine optimale Therapie zu ermöglichen.

„Wenn die Angebote den Menschen einen echten Mehrwert bieten, werden sie auch angenommen. Ältere Menschen sind viel technikaffiner, als wir denken – und sie haben uns, die technikaffinen Kinder, zur Seite. So können wir ihnen dabei helfen, länger autark zu Hause zu leben“, betont auch Moritz Diekmann.

Erste Pilotprojekte zu Big Data im Krankenhaus

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Sebastian Turner (Tagesspiegel)(li.) mit Hermann Gröhe im Gespräch

Neben Hermann Gröhe nahmen an der Podiumsdiskussion Prof. Dr. Christoph Meinel, Direktor, Hasso-Plattner-Institut für Systemtechnik, Francesco de Meo, Geschäftsführer Helios Kliniken und Enno Park, Vorsitzender, Cyborgs e.V., teil. Sebastian Turner, Herausgeber des Tagesspiegels, moderierte den Abend.

Prof. Dr. Christoph Meinel sieht ebenso wie der Bundesgesundheitsminister große Chancen in Big Data für die Medizin. Allerdings widerspreche die deutsche Datensparsamkeit und die Zweckbestimmung der Daten der Idee von Big Data. Sein Institut stellte deshalb pünktlich zur Data Debates die Gesundheitscloud vor, eine Plattform, die es Patienten ermöglicht, ihre Daten in einem geschützten Raum freiwillig zur Verfügung zu stellen. Ziel sei es, aus möglichst vielen Daten wertvolle medizinische Erkenntnisse zu gewinnen. Für Krankenhäuser ist das bisher schwer, denn ihre Daten dürfen das Silo nicht verlassen, so Meinel. Mit der Initiative wolle das Institut Bewegung in das System bringen.

Data Debates #5: Vernetzte Gesundheit

Francesco de Meo stellte ein Pilotprojekt seines Klinikkonzerns in Berlin vor. Dort werden die Patienten ermutigt, ihre Gesundheitsdaten mit Helios Kliniken für medizinische Untersuchungen zu teilen. Bereits 400 Patienten nehmen an dem Projekt teil. Es habe allerdings viel Überzeugungsarbeit, Anstrengungen und Geduld gekostet, die Datenschutzbehörde von der Idee zu überzeugen. Dennoch, so betonte de Meo, handelten die Behörden immer im Sinne des Patienten. Man müsse eben gute Argumente haben und den Einsatz von Daten zum Wohle des Patienten aufzeigen.

Hermann Gröhe sprach sich am Abend für einen Notfalldatensatz aus. Dieser beinhaltet alle wichtigen Informationen, um Risiken bei der Behandlung auszuschließen, beispielsweise regelmäßige Medikamenteneinnahmen und Unverträglichkeiten – je nachdem, was der Patient teilen möchte. Auf diese Daten dürfte dann der Arzt im Notfall auch ohne Zustimmung zugreifen.

Die Verletzlichkeit des digitalen Systems

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150 Gäste verfolgten vor Ort die Debatte und beteiligten sich per iPad an Abstimmungen

Enno Park ist begeistert von der Idee, dass alle seine Ärzte auf korrekte Daten zugreifen könnten. Ein Risiko sieht er allerdings in den Sicherheitssystemen. Dabei habe er weniger Angst um den Verlust seiner Daten als vielmehr darum, dass mit dem Internet verbundene Geräte gehackt werden könnten. Laut dem Vorsitzenden des Cyborgs e.V. müsse unsere Technik noch deutlich verbessert werden, um eine sichere und vernetzte Gesundheit zu ermöglichen.

Auch Francesco de Meo sieht die Sicherheit vernetzter Medizingeräte als größere Herausforderung. Er fordert die Hersteller auf, ihre Produkte vor Hackerangriffen zu schützen.

Für Bundesgesundheitsminister Gröhe liegt ein weiteres Problem in der fehlenden Gesundheitskompetenz. Intelligente Gesundheits-Apps helfen nicht, wenn der Nutzer die Datenanalysen nicht versteht. Deshalb sei immer auch der direkte Kontakt zum Arzt wichtig. Enno Park hingegen warnt davor, die Patienten zu unterschätzen. Vor allem chronisch Kranke seien Experten auf ihrem Gebiet und helfen sich mittels digitaler Tools und in der Community. Am Ende, so betonte Moritz Diekmann, ist eben immer noch der Patient der König.

Das Publikum im Telefónica BASECAMP stimmt ab

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Auch das Publikum wird in die Debatte mit einbezogen

Die Debatte wird durch Abstimmungen per Voting Pad und Twitter begleitet. So konnten sich die rund 170 Teilnehmer im Telefónica BASECAMP und die Videostream-Zuschauer im Internet an der Debatte beteiligen. Auf die Frage, wer am meisten von der Digitalisierung des Gesundheitswesens profitiert, sahen 68 Prozent Chancen für den Patienten bzw. für alle Beteiligten des Systems.

Eine überwältigende Mehrheit von 98 Prozent würde ihre Daten teilen, um im Alter länger zuhause leben zu können. Ein ermutigendes Ergebnis für die Panelteilnehmer, ihre Pilotprojekte, Ideen und politischen Forderungen weiter zu verfolgen.

Fotos: Henrik Andree

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